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Kleine Zeitung - Wie kann ich den Schmerz besiegen?

Wie kann ich den Schmerz besiegen?

Erste Hilfe. Patienten verraten, wie ihnen neue, spezielle Therapien geholfen aben.
Experten. Die besten Ärzte des Landes erklären, wie sie heute Schmerzarten behandeln.
Zukunft. Wie man die Versorgung in Österreich zum Wohle der Patienten neu aufstellen muss.

Geballte Ladung
Editorial
Dieter Hubmann
Wir wollen helfen

Schmerzpatienten haben keine Lobby“, sagt der Schmerzmediziner Rudolf Likar. Dieser eine Satz sagt sehr viel über ein Gesundheitssystem in Österreich aus, das eigentlich für die Menschen da sein und ihnen helfen sollte.
Hunderttausende Österreicher leiden an chronischen Schmerzen. Nach wie vor gibt es kein flächendeckendes, speziell auf diese Patienten abgestimmtes Versorgungssystem. Über Monate, sogar über Jahre suchen Menschen nach Hilfe, und zu viele Schmerz­patienten haben unfassbare und lange Leidenswege hinter sich. Es ist eine Schande, dass man bis heute – bis auf wenige Ausnahmen – viel zu wenig für sie unternimmt.
Das wollen wir ändern. Dieses Magazin, das Sie gerade in Händen halten, soll eine starke Lobby für die Schmerzpatienten sein. Wir wollen helfen, aufrütteln, informieren und haben in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Schmerzgesellschaft versucht, das Thema von allen Blickwinkeln zu beleuchten. Von der Patientenseite her genauso wie aus der Perspektive der Experten, die die wichtigsten Schmerzarten behandeln,

bis hin zur politischen Diskussion darüber, was man in Österreich zum Wohle der Schmerzpatienten verändern muss. Denn weiterzumachen wie bisher ist keine Option: Das Gesundheitssystem ist unkoordiniert, viele Gruppen schauen nur aufs eigene Budget, aber nicht auf die Menschen.
Wir wollen mit diesem Magazin aber auch Mut machen. Mit Menschen wie Tennisass Thomas Muster, der heute zwar keinen Tag ohne Schmerzen erlebt, aber gleichzeitig Hoffnung macht: „Wenn andere schon ein Spritzerl verlangt haben, bin ich zum Physiotherapeuten. Man muss sich auch zu helfen wissen: Über Bewegung kann man die Selbstheilung im Körper aktivieren, etwa bei Verspannungen. Es gibt, und das habe ich selbst erlebt, die Kraft der Selbstheilung.“
Hoffentlich ist es für unser Gesundheitssystem noch nicht zu spät, die Selbstheilungskräfte werden es nicht retten. Aber Menschen, die für andere da sind und eine Lobby für die Patienten aufbauen. So wie die große Zahl der Schmerzexperten, die für Sie da sind und die wir in diesem Magazin vor den Vorhang holen. Herzlich,

Kernteam

IMPRESSUM: Gesamt­verantwortung: Hubert Patterer, Thomas Spann Projektleitung: Didi Hubmann Autoren: Sonja Krause, Birgit Pichler, Didi Hubmann, Julian Melichar Art-Direktion/Layout: Erich Repe, Robert Szekely Fotos: Jürgen Fuchs (Coverfoto), Helmuth Weichselbraun, Andreas Traussnig, Oliver Wolf Medieninhaber und Herausgeber: ­Anzeigen und Marketing Kleine Zeitung GmbH & Co KG, Gadollaplatz 1, 8010 Graz

Inhaltsverzeichnis

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Warum man sich auch selbst heilen kann

Spiel des Lebens. Er war Nummer eins der Tenniswelt und hat alles erreicht. Das Thema Schmerz begleitete ihn ein ganzes Leben - bis heute. Thomas Muster im Gespräch über Tabletten, Therapien und das Wunderwerk Mensch.

Text: Didi Hubmann

Thomas Muster
Man wird im Schmerz oft im Gesundheitssystem alleine gelassen. Thomas Muster

Seine Karriere schien 1989 beendet zu sein: Ein betrunkener Autofahrer hatte Thomas Muster in Key Biscayne niedergefahren, Kreuz-, Seitenband, das linke Knie überhaupt: zertrümmert, wie Muster selbst sagt. Zwei Wochen nach der Operation in Wien begann er wieder mit dem Aufbautraining, die Bilder des schmerzverzerrten, schreienden Steirers, der wie verrückt und irgendwie auch entrückt um sein Comeback kämpfte, gingen um die Welt.
Rund zehn Monate später gewann Muster wieder ein Turnier. Dutzende weitere, wie das Grand-Slam-Turnier in Paris, sowie der Titel Nummer eins der Tenniswelt sollten folgen. Muster wurde ein Synonym für einen unbändigen Willen – und ein Beispiel dafür, wie man mit Schmerzen lebt und umgeht. „Man muss aber klar die Schmerzkategorien unterscheiden“, sagt der 51-Jährige, der heute täglich Schmerzen hat. „Ist es ein Schmerz, den du dir selber zufügst, weil du über Limits gehen willst? Oder sind das Schmerzen, die durch eine Erkrankung entstanden sind?“ Und weiter: „Den Schmerz zu überwinden, meine Schmerztoleranz anzuheben – das kann man trainieren, Sportler haben da einen anderen Bezug dazu. Aber das ist etwas ganz anderes, als chronische Schmerzen zu haben, die lange andauern, die zur Frustration und zur Ermüdung führen. Schlimm, wenn etwa eine Abnützung da ist: Mit dem Schmerz kann man umgehen, aber nur bis zu einem gewissen Grad. Ich würde da auch niemandem empfehlen, über Schmerzgrenzen zu gehen. Man muss alles mit dem Arzt abwägen. Andererseits: Oft gehen Menschen den Weg des geringsten Widerstandes.“ keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_rightWie sind Sie mit den Schmerzen nach dem Unfall umgegangen?
THOMAS MUSTER: Ich wollte nur zurück auf den Tennisplatz, Spitzensport ist da ein besonderer Katalysator. Jedes Jahr, das du verlierst, ist ein Wahnsinn. Für mich war gar nicht klar, was das heißt, im Knie alles zertrümmert zu haben. Für mich war nur wichtig: Wann kann ich, nachdem die mechanische Problematik im Knie beseitigt wurde, wieder spielen?

Und die Therapie war ein notwendiges Übel?
Da hast du als Spitzensportler ständig Ärzte und Physiotherapeuten um dich herum, und du bist jeden Tag in einer Trainings- und Therapie-Maschinerie drin. Das beschleunigt alles. Beim Spitzensportler. Beim Normalverbraucher, der diese Möglichkeiten nicht hat, dauert das oft ewig. Das ist das Problem: dass man im Schmerz auch oft alleingelassen wird im Gesundheits­system.

Wie sehen Sie die Rolle des Patienten in der Schmerztherapie?
Man muss sich auch zu helfen wissen und man darf nicht faul sein. Und es ist wichtig immer abzuschätzen: Wie schauen die Folgeschäden aus, wenn man über die Schmerzen trainiert? Es gibt, und das habe ich selbst erlebt, die Kraft der Selbstheilung. Die Bewegungstherapie etwa hat mir da sehr viel geholfen. Wenn andere schon ein Spritzerl verlangt haben, bin ich zum Physiotherapeuten. Meine Bewegungen haben zuerst so ausgeschaut, als ob ein 90-Jähriger trainiert. Nach drei bis vier Tagen waren die Schmerzen aber weg. Über Bewegung kann man die Selbstheilung im Körper aktivieren, etwa bei Verspannungen. Bei einem mechanischen Schaden ist es freilich etwas anderes.

Wie leben Sie heute mit Ihren Schmerzen?
Ich erlebe keinen Tag ohne Schmerzen. Man kann schon mit den Schmerzen leben, es tut mir immer etwas weh, das kaputte Knie schleppe ich seit 30 Jahren mit mir herum. Wenn man gewisse Schmerzen hat, muss man der Ursache auf den Grund gehen, das Problem an der Wurzel packen – und nicht nur die Symp­tome behandeln. Wenn du immer einen gewissen Schmerzpegel hast, dann gewöhnst du dich daran. Wenn dir dann einmal was wehtut, dann kommt das alles wieder.

Thomas Muster
Wir tun alles, um unseren Körper zu schädigen. Wir müssten uns wundern, dass nicht mehr weh tut.Thomas Muster
ZUR PERSON
Thomas Muster (51) hat es als einziger Österreicher bisher geschafft, Nummer eins der Tenniswelt zu werden. Sein Wille und sein Einsatz sind legendär.

Nehmen Sie viele Medikamente?
Ich gehe sehr vorsichtig damit um, ich lehne Medikamente großteils ab – entzündungshemmende Mittel musste aber auch ich nehmen. Ich bin außerdem Gichtpatient. Nicht, weil ich so viele Innereien essen und viel Alkohol trinken würde, sondern mein Körper baut gewisse Stoffe nicht ab.

Was lässt Sie bei Medikamenten skeptisch werden?
Man muss die Langzeitwirkungen solcher Mittel bedenken. Ich suche eher die Wurzeln des Problems und warum ich Schmerzen habe. Ich will nicht nur Symptome mit ­Medikamenten bekämpfen. Langzeittherapien mit Schmerzmitteln werden oft zu leichtfertig verschrieben. Bei jedem Kopfweh nehmen wir ein starkes Mittel, das kann nicht die Lösung sein. Akut, wenn es etwa um einen Weisheitszahn geht, ist es etwas anderes. Aber nicht auf Dauer und ohne Ursachen zu hinterfragen.

Wie motivieren Sie sich, wenn Sie Schmerzen haben?
Wenn man einmal große Schmerzen erlebt hat und man kehrt in den Alltag zurück und man hat dann das Gefühl, es geht nicht weiter, dann muss man sich an die größeren Schmerzen erinnern. Bei einem Schmerz, da kann der Kopf schon viel machen, der Geist kann Berge versetzen, auch in der Schmerztherapie.

Ihre beste Therapieform?
Ich darf nur niemals nichts machen: Je mehr ich mich bewege, desto besser fühle ich mich. Ich bin gerne in der Natur, gerne im Wald und arbeite dort auch. Wenn Schmerzen da sind, gehe ich – wie schon gesagt – zu meinem Physiotherapeuten. Ich bevorzuge eine Manualtherapie, eine Bewegungstherapie. keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_rightVertraut man seinem Körper, wenn man immer wieder solche Schmerzen hat?
Der Körper ist die perfekteste Maschine der Welt, es gibt nichts, was man in einer auch nur ähnlichen Qualität produzieren könnte – und was ähnlich super funktioniert. Etwa wie ein Knorpel im Knie, wie viele Bewegungen das Ganze aushält, das macht kein Schanierl auf der Welt mit. Es gibt nichts Besseres.

Zweifelt man nie?
Wenn der Körper durch Abnützung ein bissl zwickt und wehtut, dann muss man verzeihen. Ich bin keiner, der deshalb jammert. Dann muss man halt mehr für den Körper machen. Viele tun wenig oder gar nichts mehr. Jeder findet es aber normal, wenn er sein Haus herrichtet, weil nach zehn Jahren etwas kaputt wird. Aber unseren Körper nehmen wir als selbst­verständlich, da nehmen wir uns nicht einmal richtig Zeit. Im Gegenteil: Wir tun alles, um unseren Körper zu schädigen, und müssten uns eigentlich wundern, dass uns nicht mehr wehtut. Wenn wir 60 sind, da jammern wir dann.

Sind die Schmerzen kein Problem mehr für Sie?
Nein, weil ich glaube, es gibt viele Lösungen für normale Schmerzen. Für mich ist eher das Thema: Ich bin 51. Der Gedanke: Wenn ich heute eine Eiche setze, darf ich wahrscheinlich die Pracht seiner Krone nicht mehr erleben, ist eher ein Problem. Aber das ­Leben ist so, wie es ist. Ich denke da nicht so viel darüber nach. Ich versuche, positiv durchs Leben zu gehen und mir Zeit für meinen Körper zu nehmen.



Eigenwillig, aber perfekt für das Comeback

Unfall. Das Bild von Musters ­Training nach dem schweren Unfall, das ihn zur Ikone machte – und was den Steirer bei dieser ­Therapie noch stärker machte.

Thomas Muster
1989: Für Thomas Muster beginnt der harte Kampf zurück an die Weltspitze

Das Reha-Team Musters mit dem legendären Willi Dungl suchte nach einer speziellen Trainingsmethodik. Ein Tischler baute dann das „Gstell“, auf dem Muster Tennis spielen und Oberkörper/Rumpf genauso trainieren konnte. Schmerzhaft und eigenwillig? „Ja, mit den Mitteln war das das Beste, um andere Trainingselemente einzubauen, es war eine unmögliche Möglichkeit für uns“, so Muster heute. Damit war ein „Vollrundumtrainingstag“ möglich. „Ich hatte beim Comeback eine enorme Kraft im Rumpf.“

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Warum man sich auch selbst heilen kann
Warum man sich auch selbst heilen kann

„Der Schmerz ist nur noch Gast in diesem Haus“

Chronische Schmerzen. Wie die multimodale Therapie zum Wendepunkt im Leben von drei Schmerzpatienten wurde.

Text: Sonja Krause, Foto: Helmuth Weichselbraun

Der Schmerz ist nur noch Gast in diesem Haus

Chronische Schmerzpatienten stellt man sich anders vor, so will es das Klischee. Gesichter, vom Schmerz gezeichnet, Schultern, vom Leid gebeugt, im Kopf ein Gedankenkarussell, das sich nur um den Schmerz dreht. Doch davon wollen Angelika Egger, Stefan Amplatz und Georg Riepl nichts wissen – alle drei sind chronische Schmerzpatienten, alle drei haben an der vierwöchigen multimodalen Schmerztherapie am Klinikum Klagenfurt teilgenommen und für alle drei war diese Erfahrung ein Wendepunkt im Leben.

„Ich war nie die typische Schmerzpatientin“, sagt Egger gleich zu Beginn des Gesprächs. Dabei hätte sie jeden Grund dazu gehabt: An Migräne leidet sie seit der Volksschule, im Laufe des Lebens ist die Erkrankung immer schlimmer geworden. „Zum Schluss hatte ich fünf bis sechs Mal pro Woche Migräneattacken.“ Ja, bestätigt sie die Nachfrage, es gab kaum noch Tage ohne den stechenden, klopfenden Schmerz, der sich vom Kopf über das Ohr bis ins Kiefer gezogen hat. Und trotzdem hat sie funktioniert: Mehr als vier Krankenstandstage pro Jahr habe sie nie gehabt, mit starken Migränemitteln ging die diplomierte Kleinkinderzieherin trotzdem arbeiten – „auch wenn ich gedacht habe, mein Kopf zerplatzt“. Doch sie kam an den Punkt, an dem sie sich eingestehen musste: So kann es nicht weitergehen. „Ich war so abhängig von Medikamenten, ich musste etwas ändern“, sagt die 48-Jährige.

Im Winter 2016 unternahm Stefan Amplatz seine ersten Langlaufversuche, sie endeten mit einem Sturz. „Ab diesem Tag hatte ich ständig Schmerzen in der rechten Schulter“, erinnert er sich. Die Physiotherapie brachte kaum Verbesserung. Aufgrund der Schmerzen konnte der studierte Psychologe bestimmte Bewegungen nicht mehr machen, was zu Verspannungen an anderen Körperstellen führte. Schließlich ging er zum renommierten Schulterspezialisten, der meinte: Es wird eine Operation brauchen. Doch eine Operation, das wollte Amplatz nicht. keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_right Wird ein Notfallsanitäter zu einem Einsatz gerufen, geht es oft um Leben und Tod. So auch im Jahr 2000: Ein Mann musste reanimiert werden, Georg Riepl, der Notfallsanitäter, legte den Patienten auf den Boden, um eine harte Unterlage zu haben. „Da spürte ich diesen Stich im Lendenbereich“, erzählt Riepl. Er machte sich nicht viele Gedanken darüber, doch der Schmerz im Rücken blieb und wurde schlimmer. Die Diagnose lautete: Bandscheibenvorfall. Die nächsten 17 Jahre begleiteten ihn die Schmerzen wie Wellen – sie kamen und gingen, waren einmal stärker, einmal schwächer. „Am schlimmsten war es, wenn ich keine Bewegung machte“, sagt der 48-Jährige. In akuten Phasen brauchte er zehn Minuten, bis er aufrecht stehen konnte. Eine falsche Drehung und der Schmerz war wieder da. Schmerzinfusionen halfen ihm durch die schlimmsten Episoden – doch dann erzählte ihm ein Kollege vom multimodalen Therapiekonzept.

„Meine Frau hatte schon von dieser Therapie gehört und mich gewarnt“, sagt Stefan Amplatz und lacht. Anstrengend sollte das Programm sein und fordernd – „Wellness und Massagen, darum geht’s hier nicht“, pflichtet ihm Riepl bei. Die Vormittage der vierwöchigen Therapie standen im Zeichen von Bewegung: Begleitet von Physiotherapeuten wurde nicht nur im klinikeigenen Turnsaal gekräftigt, gedehnt und balanciert – Nordic Walking, Joggen im Wasser oder Stand-up Paddling am Wörthersee gehörten ebenso zum Bewegungsprogramm. „Am Abend waren wir echt fertig“, erinnern sich Riepl und Amplatz, „aber wir haben auch richtig gut geschlafen.“ Für die Motivation sorgte auch die Gruppe: „Wir haben uns gegenseitig angespornt, nach einigen Tagen hat es auch den Unsportlichen Spaß gemacht.“


50 Prozent weniger Schmerzen und ein Gipfelsieg

Zurück im leben. Die vierwöchige Therapie hat das Leben dieser drei Schmerzpatienten nachhaltig verändert.

Der Schmerz ist nur noch Gast in diesem Haus

Angelika Egger leidet seit ihrer Volksschulzeit an Migräne. Vor der multimodalen Schmerztherapie hatte die heute 48-Jährige fünf bis sechs Kopfschmerztage pro Woche, sie sagt selbst, dass sie nur noch mit starken Migränemedikamenten (Triptane) funktionieren konnte. Durch die Therapie haben sich ihre Schmerzen um 50 Prozent reduziert. Egger arbeitet als Kleinkinderzieherin in einem Kindergarten

Georg Riepl arbeitet als Notfallsanitäter beim Roten Kreuz: Das Heben von Patienten gehört zu seinem Beruf, ebenso wie lange Autofahrten. Im Jahr 2000 wurde bei ihm ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert, seither lebte er mit Schmerzen, die einmal stärker, einmal schwächer waren. Seit der multimodalen Schmerztherpaie kann der 48-Jährige wieder Rennradfahren und hat den Großglockner erklommen. .

Der Schmerz ist nur noch Gast in diesem Haus
Der Schmerz ist nur noch Gast in diesem Haus

Stefan Amplatz hat Psychologie studiert und ist Betriebsleiter in einem Tanklager. Nach einem Unfall beim Langlaufen litt er an Schmerzen in der Schulter, er startete die multimodale Schmerztherapie, da er seine Schmerzen ohne medikamentöse oder operative Maßnahmen in den Griff bekommen wollte. Seit der Therapie macht der 52-Jährige regelmäßig Sport, achtet auf seine Ernährung und hat sein Schmerzlevel auf 1 gesenkt.



„Für mich war der psychologische Aspekt der Therapie so wichtig“, sagt Angelika Egger und meint Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen, die sie in der Therapie erlernt hat und die ihr geholfen haben, mit dem Schmerz leben zu lernen. Ein Bild habe sich bei ihr ­besonders eingeprägt: „Den Schmerz, den bekomme ich nicht weg. Bisher ist er hier vorne in meinem Kopf gesessen“, sagt sie und greift sich an die Stirn. „Doch ich schiebe ihn nun nach hinten, der Schmerz tritt in den Hintergrund.“ In den vier Wochen habe sie ein Ziel verfolgt, sagt sie und verwendet ein weiteres Bild: Der Schmerz, der sollte eigentlich nur ein Gast in dem Haus sein, das ihr Körper ist. Doch er war zum Besitzer des Hauses geworden. „Ich habe den Schmerz wieder zum Gast gemacht“, sagt Egger.

Es ist nicht so, dass Migräne-Patientin Egger dieses Ziel nicht schon früher verfolgt hätte. „Ich habe alles ausprobiert“, sagt sie und zählt auf: Akupunktur, Cranio-Sacral-Therapie, Naturheilmethoden, Massagen – und sie habe alles wieder abgebrochen. „Wenn du Schmerzen hast, greifst du nach jedem Strohhalm“, pflichtet ihr Riepl bei. Doch das Gesamtpaket, das der chronische Schmerz braucht, haben sie erst hier gefunden. Dazu gehört es auch, unter seinesgleichen zu sein. „Endlich konnte ich mit anderen Betroffenen über meinen Schmerz reden“, sagt Egger. Die anderen neun in ihrer Gruppe wussten, wie sich der Schmerz anfühlt, was der Schmerz mit einem macht. keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_rightHeute, sagt Egger, habe sich ihr Schmerzlevel halbiert. Stefan Amplatz ist durch die Therapie von einem Schmerzlevel von 6 bis 7 auf 1 hinunter. „Ganz schmerzfrei bin ich heute auch nicht“, sagt Amplatz, „aber das war auch nicht mein Ziel.“ Ein Ziel, das hatte Riepl sich als Radfahrer vor der Therapie gesteckt: einmal mit dem Rad auf den Großglockner. „Und das habe ich geschafft“, erzählt er sichtlich stolz. Vor Kurzem sei er seinen ersten 300er mit dem Rad gefahren – „solche Distanzen wären früher unmöglich gewesen“. In Stefan Amplatz’ Büro gibt es jetzt ein ­Balance-Board – „beim Telefonieren kann ich mich da super draufstellen“, sagt er. Migränepatientin Egger, die auch mit Kopfschmerzen auf den Berg geht, macht zwei Mal pro Woche Entspannungsübungen, für ein achtsames Danke nimmt sie sich jeden Tag Zeit. „Heute weiß ich auch, ich muss nicht immer zu 100 Prozent funktionieren“, sagt Egger. Auch das habe sie hier gelernt.

Hier, das ist der Turnsaal am Klinikum Klagenfurt, den die drei nur zu gut aus der Therapie kennen. Hierher sind sie für das Gespräch zurückgekehrt. Und wenn sie für den Fotografen auf Pezzibällen balancieren, sich lachend an der Sprossenwand hochziehen und wenn Egger sagt, „Der Himmel ist zu blau, als dass ich mich wegen Schmerzen ins Bett legen will“, wollen sie dem – Klischee des Schmerzpatienten so gar nicht entsprechen. „Wir haben an uns gearbeitet“, sagt Amplatz abschließend. „Wir haben uns selbst verbessert.“



Der Schmerz ist nur noch Gast in diesem Haus

Die multimodale Schmerztherapie wurde am Klinikum Klagenfurt von Rudolf Likar (Bild) entwickelt. Der Ansatz: Spezialisten verschiedener Fachbereiche betreuen chronische Schmerzpatienten mit dem Ziel, dass die Betroffenen in den Beruf zurückkehren können. Die Patienten werden in Gruppen (ca. 10 Teilnehmer) von Physiotherapeuten, Psychologen und Ärzten

betreut. Zum Programm gehören: Trainingstherapie, Schmerzbewältigungs- und Entspannungstraining, psychologische Gruppen- und Einzeltherapie. Die Therapie wird ambulant durchgeführt und dauert vier Wochen. „Wir konnten in den letzten Jahren die Wirksamkeit der Multimodalen Schmerztherapie beweisen“, sagt Likar. Informationen: Tel. +43 463 538-34380


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Der Schmerz hat viele Gesichter

Cannabis Warum hinter dem Hype um die Heilpflanze vor allem finanzielle Interessen stecken und welche Potenziale Cannabis-Präparate wirklich haben.

Text: Sonja Krause, Julian Melichar Foto: Markus Traussnig

Cannabis

Hat man einen schweren Kampf hinter sich, können Narben zurückbleiben. So war es auch bei Margarethe Buchleitner, bei der die Krebstherapie zwar den Gebärmutterhalskrebs besiegte, aber auch ihre Nerven nachhaltig schädigte – Polyneuropathie heißt das Leiden, das sie erst mit einem Cannabis-Präparat in den Griff bekommen hat. Mitten im Kampf gegen den Krebs befindet sich Christine Weiß, die an einem Glioblastom leidet und sagt: „Das Mittel hat die Kraft zurück in meinen Körper gebracht“ (siehe oben). Wie die beiden Patientinnen zeigen, hat sich Cannabis einen Platz in der Medizin erobert, wurde sogar zur Heilpflanze des Jahres 2018 gekürt. Doch gleichzeitig warnen Mediziner vor dem teilweise völlig unwissenschaftlichen Hype, der rund um Cannabis entstanden ist. Einer von ihnen ist Hans-Georg Kress, Vorstand der Abteilung für Anästhesie und Schmerzmedizin am AKH Wien. „Zunächst einmal sollten wir nicht von Cannabis sprechen“, sagt Kress. „Es gibt klar definierte Wirkstoffe aus der Cannabis-Pflanze, die zum Einsatz kommen.“ Zum Vergleich zeigt Kress auf: „Das ist, als würden wir von Mohn sprechen, wenn wir Opioide meinen.“ keyboard_arrow_right

Rudolf Brenneisen
Vor allem die aggressive Vermarktung von CBD als Lifestyle- Droge befeuert den Hype. Rudolf Brenneisen

keyboard_arrow_right Es gebe Hunderte verschiedene Sorten der Pflanze Cannabis, jede von diesen enthalte wiederum mehr als 100 Cannabinoide – die Hauptwirkstoffe der Pflanze. Zwei davon kommen heute therapeutisch zum Einsatz: THC oder Dronabinol, das für die berauschende Wirkung von Cannabis verantwortlich ist, und CBD oder Cannabidiol, das nicht berauschend wirkt, daher auch nicht unter das Suchtmittelgesetz fällt und als „legales Cannabis“ in stylishen Shops in heimischen Fußgängerzonen verkauft wird.
„Mit CBD wird momentan sicher am meisten Geld verdient“, sagt Kress. Und auch der Schweizer Cannabis-Forscher Rudolf Brenneisen bestätigt: „Es ist vor allem die aggressive Vermarktung von CBD als Lifestyle-Droge, Nahrungsergänzungsmittel und Tabak­ersatz, die den Hype befeuert.“ Die Heilsversprechen, die mit der Vermarktung einhergehen, seien nicht nur „reißerisch, sondern klinisch auch kaum belegt“, sagt Brenneisen. Was man heute schon über CBD weiß: Der Stoff wirkt gegen Entzündungen und Ängste, das größte Potenzial gibt es aber momentan bei schweren Formen von Epilepsie bei Kleinkindern. Für diesen Anwendungsbereich ist nun in den USA ein Medikament auf den Markt gekommen, das laut Kress auch bald in Europa zugelassen wird. Und das könnte auch dafür sorgen, dass die bislang undurchsichtige rechtliche Lage zu CBD aufgelöst wird. Anders als in Deutschland, wo es CBD nur gegen ein Rezept in Apotheken gibt, gilt der Stoff in Österreich als frei verkäufliches Nahrungsergänzungsmittel. Im Labor habe sich auch eine mögliche Anti-Tumor-Wirkung gezeigt – die müsste aber erst durch klinische Tests belegt werden. Potenzial könnte es auch bei psychiatrischen Erkrankungen wie Schizophrenie geben – doch auch hier brauche es noch viel mehr Forschung. Mehr Wissen existiert zum THC: Der Wirkstoff kommt bei spastischen Muskelkrämpfen bei der multiplen Sklerose zum Einsatz,


Auch für Krebspatienten könne es eine wichtige Ergänzung sein: THC helle nicht nur die Stimmung auf, es lindert Übelkeit und fördert den Appetit, den die Therapien den Patienten oft rauben. Daher werde es auch bei Palliativpatienten eingesetzt. In der Schmerzmedizin komme THC vor allem bei chronischen neuropathischen Schmerzen („Nervenschmerzen“) zum Einsatz. Die Cannabinoide werden in der Regel gemeinsam mit anderen Schmerzmitteln verabreicht, um deren Wirkung zu verbessern. Sie könnten auch die ­Nebenwirkungen einer Schmerztherapie lindern. „Für akute Schmerzen ist THC aber völlig ungeeignet und als Schmerzmittel allen Opioiden unterlegen“, sagt Kress.
Der Mediziner unterstreicht: „Cannabis ist keine Wunderpflanze.“ Der Hype werde nicht aus der Medizin gespeist, sondern vielmehr von der „Börse“: Der kontrollierte Anbau von Cannabis für die Medizin sei ein „Milliarden-Dollar-Geschäft“. Diese kommerziellen Interessen würden auch dazu führen, dass alternative Fakten geschaffen und unseriöse Heilsversprechen verbreitet würden. „Alle medizinischen Cannabis-Produkte gehören in die Hände eines gut informierten Arztes“, sagt Kress. Doch genau das ist auch die Krux für Patienten in Österreich: Nur wenige Ärzte kennen sich mit den Potenzialen der Wirkstoffe aus, es gibt viele Berührungsängste. Das führt dazu, dass sich verzweifelte Patienten „Gras“ auf der Straße besorgen - und dann verunreinigtes Marihuana rauchen.
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keyboard_arrow_right Cannabisblüten rauchen: Von dieser Art der Einnahme raten Experten generell ab. Denn: Damit ein Wirkstoff helfen kann, muss er richtig dosiert und in der immer gleichen Menge eingenommen werden. Bei Cannabis-Pflanzen jedoch kann die Zusammensetzung der Wirkstoffe bei ein und derselben Sorte unterschiedlich sein. Daher plädiert nicht nur Kress dafür, Cannabis-Wirkstoffe in Form von Medikamenten einzusetzen: „Es gibt keinen Beweis dafür, dass die Wirkung der ganzen Pflanze besser wäre als jene der Reinsubstanz“, sagt auch Brigitte Knopp von der Abteilung für Pharmakognosie der Uni Wien. Patienten, die auf der Suche sind, rät Kress, sich an Schmerzambulanzen in den Unikliniken und LKHs zu wenden – und nicht an den ­Dealer auf der Straße.

Hans-Georg Kress
Alle medizinischen Cannabis-Produkte gehören in die Hände gut informierter Ärzte. Hans-Georg Kress




Ein Mitbewohner auf Raten

Gehirntumor Mit der Hilfe von Cannabis holte Christine Weiß ihren Glauben wieder in den Kopf – und die Kraft zurück in den Körper.

G anz still ist es im Haus von Christine Weiß im Drautal, als sie die Tür öffnet. Man kann nur ihr schlafendes Kind ruhig atmen hören. Allein ist die 36-Jährige dennoch nicht. Seit dem 22. Dezember des Vorjahres hat sie einen weiteren Mitbewohner. Er sitzt nicht am gleichen Tisch, geschweige denn bricht sie das Brot mit ihm. ­Anwesend ist er vorerst dennoch ­ständig. Der Krebs, der Gehirntumor, das Glioblastom. Weiß möchte den unangekündigten Gast schnellstmöglich verabschieden. Ihre Chemotherapie erledigt Weiß von zu Hause aus. „Mein zweijähriges Kind hätte keine Freude, wenn ich nur flachliege“, betont die Kärntnerin. Neben ihrem Gehirntumor hat sie neuerdings einen weiteren Begleiter. Sie trägt ihn über der Schulter. Ein Rucksack mit Kabeln, der mit ihrer Kopfhaut verbunden ist. Durch elektrische Impulse sollen weitere Zellteilungen verhindert werden. Dem Mitbewohner wird sozusagen der Strom abgedreht. Den täglichen Kampf gegen den Krebs und seine Nebenwirkungen meistert Christine Weiß aber vor allem mit der Unterstützung eines Cannabis-Präparats, das sie in Form von Kapseln einnimmt. „Gott sei Dank bekomme ich das von meinem Krankenhaus direkt, die Krankenkasse lehnt die Unterstützung jedes Mal ab“, erzählt die Patientin. Das Mittel hat ihr den Glauben zurück in den Kopf und die Kraft zurück in den Körper geholt. Sie hat wieder Appetit auf Essen und insbesondere das Leben. Auch das Selbstvertrauen, offen mit ihrer Erkrankung umzugehen, hat Weiß wieder­erlangt. Viele Menschen verstecken sich ihrer Wahrnehmung nach vor den kranken Seiten des Lebens, den Flächen, die wenig Grip und menschlichen ­Einfluss gewähren. keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_right Dass das Cannabis-­Präparat auch gegen den Tumor selbst hilft, glaubt die Drautalerin nicht. „Aber man fängt an, anders zu denken.“ ­Konkret heißt das im Fall von Christine Weiß, dass sie das Heft selbst in die Hand nimmt, sie alleine Schriftführerin ihres Lebens ist. ­Neben den ärztlichen ­Medikamenten versucht sie zusätzlich, alternative Kampfansagen zu setzen. Homöopathisch und mit der Anpassung ihrer Ernährung. Kein Zucker, wenig Mehl. Eine Taktik, die sie von einer ­anderen Patientin mit auf den Weg ­bekommen hat. Um den Mitbewohner schnellstmöglich vor die Tür zu setzen. Bis dorthin lebt sie mit ihm. Sie bringt ihm Manieren bei, dressiert ihn. ­Toleranz soll keinesfalls mit Akzeptanz verwechselt werden. Hauseigentümerin ist schließlich sie ­allein. Christine Weiß.

Cannabis
Man fängt an, anders zu denken und wieder zu leben. Christine Weiß



„Ich habe mehr Lebens­qualität“

Kontrolle Nach der Chemo litt Margarethe Buchleitner ­jahrelang an den Spätfolgen. Cannabis gab ihr die Kontrolle über ihren Körper zurück.

V or rund 20 Jahren wurde bei Margarethe Buchleitner Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert. Den Kampf gegen den Tumor hat die 64-Jährige für sich entscheiden können, doch die Spätfolgen der Strahlentherapie erinnern sie bis heute an ihren „bösen Clown“.
Die Ärzte nennen das Leiden von Margarethe Buchleitner im Fachterminus „Polyneuropathie“. Mit den Nerven gehen dabei die Pferde durch. Sie trampeln regelrecht über das empfindliche Nervensystem. „Es fühlt sich an, als würde man unter einer Nähmaschine liegen“, so beschreibt Buchleitner ihre Schmerzen. keyboard_arrow_right

Cannabis
Schmerzpatienten dürfen nicht zu Bittstellern degradiert werden. Margarethe Buchleitner

keyboard_arrow_right Begleitet werden diese durch einen Kontrollverlust der eigenen Motorik. Man lässt Gläser fallen, obwohl man sie fest in der Hand fühlte, oder verbrennt sich mit heißer Suppe. Vor drei Monaten wurde der Schmerzpatientin schließlich ein Cannabis-Produkt verschrieben. Ab der ersten Einnahme zeigte das Mittel seine Wirkung. Es betäubte nicht, sondern nahm direkten Einfluss auf sie. Schmerzmittel haben Margarethe Buchleitner nie Erleichterung verschafft: „Tabletten nimmt man zehn Tage, am elften Tag kehrt das Leiden zurück. Der Arzt verschreibt einem daraufhin ein anderes Schmerzmittel, das gleich wenig hilft.“
Das Cannabinoid hingegen lindere bei ihr Nervenschmerzen und gebe ihr gleichzeitig die Möglichkeit, mehr Lebensqualität zu erfahren. Physisch und psychisch. Mehr Leben fängt bei der Schmerzpatientin bereits beim selbstständigen Putzen der Fenster an. Sie kann ihre 92-jährige Mutter wieder pflegen. Wo früher ein Wille, aber kein Weg war, kann sie jetzt sogar wieder nordic­walken und an das Morgen denken. Die Wernbergerin hat das Vertrauen in ­ihren Körper wiedergefunden. „Ich kann mir sogar wieder ein schönes Kleid anziehen, mich als Frau empfinden und flirten“, lacht Buchleitner. ­Dabei hätte sie das Vertrauen und den Mut streckenweise fast verloren. Manch ein Arzt sprach ihr sogar ihre Schmerzen durch die Blume ab. Um die Berufsunfähigkeitspension musste sie geradezu betteln. Dass Cannabinoide nur so wenigen chronischen Schmerzpatienten zugänglich gemacht und von der Krankenkasse nicht freigegeben würden, bringt Buchleitner in Rage. Wenn es nach ihr ginge, müsste der Wirkstoff umfassend ausgegeben werden. Nicht in Cannabisshops oder im Internet, ­sondern von professioneller Seite in der Apotheke.
„Als Patient wird man bis dato jedoch zum Bittsteller degradiert“, klagt sie.

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Der Detektiv, der nach Schmerzen sucht

Manuelle Medizin. Rudolf Lackner sucht die Ursachen für Schmerzen mit seinen Händen. Ein Erfahrungs­bericht.

Text: Didi Hubmann Foto: Jürgen Fuchs

Der Detektiv, der nach Schmerzen sucht


Mit seinen Händen gleitet Rudolf Lackner an meinem linken Unterarm auf und ab. Schmerzen im Handgelenk, Schmerzen im Bereich des Ellbogens, es ist phasenweise unerträglich. Jetzt drückt er in die Haut, zieht sanft am Unterarm, er bewegt, dreht das Handgelenk. Dehnen, mobilisieren, manipulieren, bis der Schmerz den Körper verlässt. „Weißt du“, sagt Lackner, „das ist manuelle Medizin. Ich greife dich an, nicht brutal, ich muss auch nicht ziehen, bis es scheppert. Ich muss nur spüren und fühlen, wo die Störung liegt. Ich versuche, dich zu begreifen, im wahrsten Sinne des Wortes.“ Für den Mediziner ist dabei eines ganz wichtig: „Manuelle Medizin ist ein medizinisches Fachgebiet, eine Echtzeit-Medizin, du stellst die Diagnose, kannst in Echtzeit, wenn alle Gegendiagnosen schon vorher ausgeschlossen worden sind, die Behandlung durchführen. Und du kannst in Echtzeit die Kontrolle machen, ob die Therapie auch wirkt.“

Lackner ist Chirurg, Mitglied der österreichischen Schmerzgesellschaft und hat sich ganz der manuellen Medizin verschrieben. Das sei kein Voodoo-Zauber, wie er selbst lächelnd sagt. Manuelle Medizin bediene sich einfach eines jahrhundertelang gewachsenen Wissens um den Menschen. Therapeuten spüren mit ihren Händen Muskelverspannungen genauso auf wie Bindegewebsveränderungen oder Temperaturdifferenzen an Hautstellen.
Sie lernen in einer aufwendigen Ausbildung (inklusive Diplom der österreichischen Ärztekammer), wie man mit speziellen und gezielten Handgriffen den Körper ­wieder mobilisiert, etwa die Wirbelsäule oder Gelenke. „Das Vertrauen“, so Lackner, „baue ich alleine dadurch auf, wie ich den Patienten an­greife. Also: Den Patienten greift man so an, dass man ihn selbst die betroffenen Stellen bewegen lässt. Dann werden vorsichtige Bewegungen durchgeführt, weich, ohne Schmerz zu provozieren. Und wenn der Patient das Gefühl hat, mehr geht nicht, dann kann ich daraus den Schluss ziehen, wo die Störung sein kann.“ Es ist eine Detektiv­arbeit der anderen Art.

Wenn Lackner die Störung gefunden hat, folgt unmittelbar die Therapie. „Die Hände kommen ganz wesentlich ins Spiel. Das ist keine Medizin, die auf Bildern, Befunden, oder Zahlen beruht, das ist eine Medizin, die den Ablauf von Bewegungen etc. beurteilen muss, und den Ablauf mit meinen angelegten Händen kann ich einsetzen, um he­rauszufinden, ob eine Balance gegeben ist oder nicht. Wir gehen nie so vor, dass der Patient noch mehr Schmerzen dabei erleidet: Weil er sich dann sperrt und das lernt auch der Körper. Entscheidend ist, was dem Patienten guttut. Dann wird geprüft, was man tun kann.“ keyboard_arrow_right

Der Detektiv, der nach Schmerzen sucht

keyboard_arrow_rightEs fühlt sich ungewöhnlich und doch gut an. Es sind kurze, knappe, langsame Bewegungen, die Lackner mit meinem Arm vollzieht. Er arbeitet sich vom Handgelenk bis zur Halswirbelsäule, er ­erklärt jedes Detail und wie im Körper die einzelnen Abschnitte untrennbar mitei­nander verbunden sind. Manuelle Medizin ist Erfahrungsmedizin, Lackner zieht noch einmal am Unterarm, dreht ihn. „Den ersten Schritt zur Diagnose macht der Patient selbst, weil er zum Beispiel sagt: Hier ist es hart, das schmerzt. Und da kommen dann die wichtigsten Medikamente bei der ­Behandlung ins Spiel: die Zeit, die man einander widmet, und das Wort, das mir der Patient erzählt.“
Soll heißen: Auch das Reden und die Zuwendung tun dem Patienten letztlich gut und führen zu einem Behandlungserfolg. Der Therapeut müsse genau erfragen, wann die Probleme begonnen ­haben, und dann entscheiden, wie man gegensteuern könne. Es sei immer die Suche nach der Ursache, nicht nach der Folgewirkung, die man spürt – darauf komme es letztlich an. „In der manuellen Medizin muss ich in der Lage sein, die Ursache herauszufinden, um das Problem zu lösen. Aber immer in eine Richtung, die den Patienten entspannt.“ „An einem Punkt darf man auf keinen Fall verharren“, ­erklärt Lackner weiter und drückt noch einmal in ­meinen Unterarm, „es muss bei der Behandlung in den Gelenken nicht knacken. Es muss ­überhaupt nicht knacken. Es knackt vielleicht in 60 Prozent.“ Aber daraus resultiere nicht, wie oft behauptet, der Therapieerfolg.
„Und jetzt“, sagt Lackner, „mach nochmals die Bewegung, die dir Schmerzen bereitet.“ Ich drehe vorsichtig den Unterarm nach außen, hebe etwas auf, die Schmerzen sind tatsächlich weg. Lackner lächelt zufrieden. „Ich muss viele Methoden kennen und dann die für den Patienten geeignete Methode heraussuchen. Mit dem Paket lasse ich den Patienten wieder laufen.“


ZUR PERSON Rudolf Lackner ist ausgebildeter Chirurg und Ausbildungsleiter der Arbeitsgemeinschaft für manuelle Medizin ­sowie Mitglied der Österreichischen Schmerz­gesellschaft.


Der Detektiv, der nach Schmerzen sucht
Manuelle Medizin ist keine Voodoo-Therapie, sondern Medizin in Echtzeit.Rudolf Lackner



„Manuelle Medizin ist letztlich auch Teamarbeit“

Behandlung. Eiskunstläufer Raphael Borics stürzte schwer. Unmittelbar nach der Behandlung durch Rudolf Lackner gewann er einen internationalen Wettkampf.

D ie älteste Patientin von Rudolf Lackner ist 103 Jahre alt, die jüngsten Patienten sind Kleinkinder. Und Lackner ist auch immer wieder im Sportbereich tätig. Den Eiskunstläufer Raphael Borics zum Beispiel behandelte er nach einem Trainingssturz. „Ich habe mich beim Sturz total verrissen“, erzählt Borics. „Wenn man dann bei der Therapie sieht, wie alles zusammenhängt im Körper – dann ist es spannend zuzuschauen, wie das alles funktioniert. Ich konnte mich ja nach dem Sturz nicht mehr drehen, nicht gscheit bewegen – aber schon nach der ersten Behandlung ging es mir viel besser.“ Borics gibt zu, dass er anfangs Respekt vor der Therapie hatte. „Aber im gleichen Moment ist auch ein Gefühl der Erleichterung da, dass der Schmerz schnell nachlässt.“ Kurz darauf gewann er einen großen internationalen Wettkampf in Zagreb in seiner Altersklasse. Lackner: „Manuelle Medizin ist eine solide, handfeste Medizin, dokumentierbar, kontrollierbar und reproduzierbar.“ Mit den Patienten bilde man ein Langzeitduo, die Behandlung sei Teamarbeit. „Man muss in der Diagnose unterscheiden: Ist die Störung organisch verursacht, dann muss ich das erkennen und lasse – im übertragenen Sinn, weil ich ja mit den Händen arbeite – die Finger davon. Oder ist es eine aufhebbare, funktionelle Bewegungsstörung in irgendeinem Gelenk oder den angeschlossenen Gliedmaßen und der Muskulatur? Dann muss ich zuordnen: Wo steige ich ein, was ist das Leitsymptom, was muss ich zuerst beheben? In Summe renke ich nicht Knochen ein, sondern ich behandle das Bewegungssystem eines Menschen. Basis ist eine solide medizinische Ausbildung.“

Der Detektiv, der nach Schmerzen sucht
Raphael Borics und Rudolf Lackner: „Man ist erleichtert, wenn der Schmerz nachlässt“




„Mit Bedacht dosieren, genau erkundigen“

W as tun, wenn der Schmerz in die Glieder einfährt – und man die ersten Symptome medikamentös behandeln möchte? Österreichs Apothekerkammer-Vizepräsident Gerhard Kobinger sagt: „Wichtig ist es, die Menschen zu motivieren, eine vernünftige Auswahl zu treffen. Es gibt ein Stufenschema, was man je nach Schmerz einsetzt. Auf alle Fälle muss man sich genau beim Apotheker erkundigen.“ Das hat gute Gründe: „Selbst sogenannte leichte Schmerzmittel sind nicht unproblematisch, sie können unter bestimmten Bedingungen Organe oder Herz-Kreislauf-System beeinträchtigen.“ Mit verschreibungspflichtigen Präparaten müsse man genauso verantwortungsvoll umgehen. keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_right Wichtig sei es, Wechselwirkungen herauszufiltern. Kobinger: „Schmerzmedikamente sind mit Bedacht zu dosieren und nicht zu lange nehmen. Jeder, der keine Wirkung spürt, muss zum Arzt. Spätestens nach drei Tagen.“

Der Detektiv, der nach Schmerzen sucht
Gerhard Kobinger, Apotheker-Kammer

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Rheuma muss man sich nicht beugen

IRRTÜMER. Warum chronisch entzündliche Rheumaerkrankungen auch junge Menschen treffen können und warum die Zeit eine Rolle spielt

Text: Birgit Pichler, Foto: Jürgen Fuchs

Der Schmerz ist nur noch Gast in diesem Haus

Am Anfang waren es nur die Finger, die Martin zu schaffen machten. Am Morgen fühlten sie sich manchmal steif an, lockerten sich erst mit der Zeit beim Frühstückskaffee. Nach ein paar Wochen bekam er Schmerzen in einem Fingergelenk der rechten Hand. Beim Heben seiner Tasche zuckte der Leiter einer kleinen Glaserei jedes Mal zusammen. Manchmal sogar, wenn er Kunden die Hand schüttelte. Abnützung vermutete er, vom Tennis vielleicht? Er setzte mit dem Spiel aus. Doch der Schmerz blieb, wurde schwächer, dann wieder stärker, wenn er den Finger belastete oder dehnte. Was Martin erst nach einer Vielzahl an Untersuchungen erfahren sollte: Er hatte Rheuma – mit 39 Jahren.

Wenn ein Gelenk oder die Wirbelsäule schmerzt, sollte man das nicht nur auf zu viel Sport oder die falsche Matratze zurückführen. „Das ist natürlich oft der Fall“, sagt Rheumaspezialist Raimund Lunzer. „Aber in manchen Fällen liegt auch eine chronisch entzündliche Erkrankung vor.“ Und die trifft Menschen jeden Alters. „Früher wurde oft unzureichend behandelt“, erklärt Lunzer weiter. Abnützung, hieß es dann oft. War der Leidensdruck schließlich zu hoch, wurde das Knie- oder eben das betroffene Hüftgelenk ausgetauscht. Doch Rheuma lässt sich damit nicht aufhalten. Bald ist ein anderes Gelenk ­betroffen. Wenn nicht gezielt gegen die Krankheit vorgegangen wird, zerstört die Entzündung Gelenke, Sehnen und Knochen. Dabei ist es gar nicht so einfach, den „Übel­täter“ Rheuma zu identifizieren. Denn rund 400 verschiedene Krankheitsbilder sind unter dem Begriff erfasst. Die gute Nachricht: „Wird Rheuma rechtzeitig erkannt, lässt sich die Krankheit erfolgreich behandeln und sogar zum Stillstand bringen“, betont Lunzer.

Wie geht man also vor, wenn man eine gewisse Steifheit in den Gliedern bemerkt? Wenn man „Kreuzweh“ hat, ein Fingergelenk anschwillt, Knie, Hüfte oder andere Gelenke, die nicht durch eine Verletzung geschädigt wurden, schmerzen? „Wenn man länger als zwei, drei Wochen Schmerzen hat und nicht auf die entsprechende Medikation anspricht, könnte eine rheumatische Erkrankung vorliegen“, sagt Lunzer. Tätig werden sollte man in jedem Fall, denn Rheuma lässt sich nicht aussitzen. „Wenn man nichts tut, können sich die Schmerzen potenzieren, das Gelenk wird früher oder später angegriffen.“ Auch die Gefäße leiden auf Dauer unter der Entzündung. Mit ernsten Folgen für das Herz-Kreislauf-System.

Erste Informationen über rheumatische Erkrankungen sind heute leicht zu beschaffen. Laut Studien würden unter 45-Jährige ohnehin ins Internet schauen, bevor sie zu einem Arzt gehen, sagt Lunzer. Gerade in Sachen Rheuma ist aber gezielte Information wichtig, denn „Dr. Google“ kann auch fehlleiten. „Auf der deutschen Homepage für Rheumatologie, www.rheuma-liga.de, etwa ist es möglich, einen ersten Selbsttest zu machen“, rät Lunzer. Unter rheumaliga.at finden sich Termine zu Informationsveranstaltungen in den Bundesländern. keyboard_arrow_right

Der Schmerz ist nur noch Gast in diesem Haus
Raimund Lunzer, Rheumatologe

keyboard_arrow_right Rund drei Prozent der Österreicher leiden unter einer chronisch entzündlichen Form von Rheuma. Und weil Rheuma eine Systemerkrankung ist, müsse man sich auch den ganzen Körper, nicht nur den schmerzenden Teil vornehmen, erklärt Lunzer. In einem ersten Gespräch versucht er deshalb vorsichtig auszuloten, wie es dem Patienten in anderen Belangen geht – machen ihm auch Augen-, Magen-, Zahn- oder Hautprobleme zu schaffen? Schuppenflechte, Parodontose – all das kann ein Hinweis, ein Puzzleteil auf dem Weg zur richtigen Lösung sein. „Die Zusammenarbeit mit Radiologen, Dermatologen, Kardiologen, Gastro­enterologen, Psychologen, Physiotherapeuten ist deshalb unerlässlich“, erklärt Lunzer. „In der heutigen Medizin ist der Alleingang nicht mehr möglich. Der Patient besteht nicht nur aus einem Problem.“ Wird – wie in Martins Fall – eine chronisch entzündliche Form von Rheuma diagnostiziert, stellen sich weitere Fragen. Etwa, ob Ernährung die Entzündung heilen kann. „Nein“, sagt Lunzer entschieden. Wer sich an Mittelmeerkost oder einer anderen Ernährungsform versuchen will, kann sich nicht darauf verlassen, dass die Krankheit von allein verschwindet. Es gebe Diskussionen, ob etwa Fleisch die Entzündung „anheizen“ könne, erklärt Lunzer. Doch was einem (nicht) guttut, sei individuell. „Eine Einheitsdiät gibt es nicht.“ Eine gesunde Lebensweise wirke sich jedoch immer positiv auf den Körper aus, betont er. Kurz: Alles in Maßen, nicht in Massen.


Anders bei Gicht, hier könne die richtige Ernährung etwa zu rund 15 bis 20 Prozent „zur Besserung beitragen“. Auch hier räumt Lunzer mit einem alten Irrglauben auf: „Nicht jeder, der üppig isst und viel trinkt, erkrankt automatisch an Gicht.“ Die Niere spielt dabei eine wesentliche Rolle. „Manche Menschen können Harnsäure sehr gut ausscheiden, andere weniger. 400 bis 800 Milligramm schafft der Körper, täglich auszuscheiden“, erklärt der Rheumaspezialist. So kann es im Extremfall rund drei Tage dauern, bis wir sie – etwa nach dem Genuss einer Flasche Bier – loswerden. Das Problem sei aber nicht, sich hin und wieder ein Bier zu gönnen, Rindsuppe oder Hühnerhaut zu essen, die voller Purine steckt, bei deren Abbau im Körper Harnsäure entsteht. „Plakativ gesagt, geht es nicht um die Zeitspanne zwischen Weihnachten und Silvester“, sagt der Rheumatologe. „Vielmehr geht es um die Zeitspanne zwischen Silvester und Weihnachten.“ Oft bunkert man jahrelang Harnsäure, ohne die Speicher im Körper – etwa durch den gezielten Verzicht auf bestimmte Lebens- und Genussmittel – auch einmal zu leeren. Auch die Fructose, hergestellt aus Maissirup, sei maßgeblich an der erhöhten Harnsäure beteiligt.
Ob es sich nun um die Stoffwechselerkrankung Gicht oder wie in Martins Fall um entzündliche Arthritis handelt – wichtig ist, dass man nicht zögerlich damit umgeht und versucht, dem Schmerz auf die Schliche zu kommen. Denn die Zeit ist einer der größten Feinde im Kampf gegen Rheuma. „Je schneller man entzündliche Prozesse in den Griff bekommt, desto größer ist die Chance, sie aufzuhalten“, betont Lunzer. Und letztendlich wieder eine gehörige Portion Lebensqualität in den Alltag zu bringen.


ZUR PERSON Raimund Lunzer ist leitender Oberarzt der Rheumatologie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder. Er lehrt an der FH Joanneum, in den Bachelor-­Studiengängen


Sieben mögliche Anzeichen einer Rheumaerkrankung
1

Keine Altersfrage: Rheuma trifft nicht nur ältere Menschen. Auch Kinder und Jugendliche können schon daran erkranken.

2

Steifheit in den Gliedern: Die Finger fühlen sich morgens bis zu einer halben Stunde steif an.

3

Schwellungen: Die Fingergelenke oder die Handgelenke sind geschwollen und schmerzen bei Belastung.

4

Mattheit: Man fühlt sich schon eine ganze Weile nicht mehr leistungsfähig und ist angeschlagen.

5

Schmerzen: Keine Verletzung ist passiert, dennoch schmerzen die Sehnen, Muskeln und Gelenke.

6

Wirbelsäule: Morgens wacht man mit tief sitzenden Kreuzschmerzen auf und muss dann aufstehen.

7

Nach dem Sitzen: Gelenke oder Sehnen (Hüfte, Fersen, Ellbogen) schmerzen. Bewegung bessert die Beschwerden.



Raucher erkranken öfter an Rheuma

Der Schmerz ist nur noch Gast in diesem Haus

Inzwischen ist es wissenschaftlich bewiesen: Raucher erkranken häufiger an Rheuma als andere Menschen. Außerdem schreitet die Gelenkzerstörung bei ihnen auch rascher voran. Bereits sieben Zigaretten am Tag steigern das Erkrankungsrisiko für eine rheumatoide Arthritis um mehr als das Doppelte, warnte die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh). Der schlechte Einfluss auf rheumatische Erkrankungen gehört zu den weniger bekannten Folgen des Tabakkonsums. Die genauen Ursachen sind bisher noch nicht genau bekannt beziehungsweise gibt es lediglich Vermutungen. Besonders gefährdet sind Frauen. Das Risiko steigt bereits nach wenigen Jahren an und es hält bis zu 15 Jahre nach dem Rauchstopp an.

Was in Österreich Probleme bereitet

Brisant. Rheuma­erkrankungen ­verursachen mehr als 8,5 Millionen Krankenstands­tage in Österreich.

Die Diagnose rheumatischer Erkrankungen alleine ist schon schwierig genug: Über 400 unterschiedliche Arten kennt man. Aber noch eine andere Problemzone in ­Österreich bereitet Kopfzerbrechen: Obwohl die Zahl der Erkrankungen steigt, ist die Zahl der ­Kassenstellen für Rheumatologen im niedergelassenen Bereich nicht entsprechend gewachsen. Außerdem sieht man große regionale Unterschiede in der Versorgung in Österreich. Darauf wurde schon oft aufmerksam gemacht, ohne dass es Konsequenzen ­gegeben hätte. Was für die Patienten fatal ist: Über 8,5 Millionen Kranken­standstage wurden zum Beispiel bereits 2015 durch Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes verursacht. Und wird Rheuma zu spät oder nicht erkannt und behandelt, kann das irreversible Schäden verursachen – in schweren Fällen kann die Lebenserwartung um bis zu 15 Jahre sinken.

Wenn ein Gelenk oder die Wirbelsäule schmerzt, sollte man das nicht nur auf zu viel Sport oder die falsche Matratze zurückführen. „Das ist natürlich oft der Fall“, sagt Rheumaspezialist Raimund Lunzer. „Aber in manchen Fällen liegt auch eine chronisch entzündliche Erkrankung vor.“ Und die trifft Menschen jeden Alters. „Früher wurde oft unzureichend behandelt“, erklärt Lunzer weiter. Abnützung, hieß es dann oft. War der Leidensdruck schließlich zu hoch, wurde das Knie- oder eben das betroffene Hüftgelenk ausgetauscht. Doch Rheuma lässt sich damit nicht aufhalten. Bald ist ein anderes Gelenk ­betroffen. Wenn nicht gezielt gegen die Krankheit vorgegangen wird, zerstört die Entzündung Gelenke, Sehnen und Knochen. Dabei ist es gar nicht so einfach, den „Übel­täter“ Rheuma zu identifizieren. Denn rund 400 verschiedene Krankheitsbilder sind unter dem Begriff erfasst. Die gute Nachricht: „Wird Rheuma rechtzeitig erkannt, lässt sich die Krankheit erfolgreich behandeln und sogar zum Stillstand bringen“, betont Lunzer.

Trotzdem sagt der Rheumatologe Raimund Lunzer von den Barmherzigen Brüdern: „Wir müssen in der Rheumatologie anerkennen, dass eine frühere Dia­gnose nicht immer notwendigerweise besser ist, dass mehr an Behandlung nicht automatisch effektiver ist und erhöhte Sensitivität von diagnostischen Tests nicht Synonym für größeren Erfolg steht. Wir müssen Krankheit vom Krankheitsrisiko unterscheiden. Laborparameter bestätigen weder ein Rheuma noch schließen sie es sicher aus. Gewisse Laborparameter können extrem wichtig sein, werden aber nur nach fachärztlicher Indikation geordert.“

Es gebe gute Therapien, so Lunzer. Einige davon sind jedoch mit enormen Kosten verbunden, was die Finanzierung immer schwieriger werden lässt.

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Das Mysterium im Kopf

Kopfschmerz Neurologin Sonja Tesar erklärt, wem die Migräne-Spritze helfen kann und wie Schmerzmittel in ­einen Teufelskreis führen können.

Text: Sonja Krause Foto: Markus Traussnig

Das Mysterium im Kopf
Sonja Tesar ist Spezialistin für Kopfschmerzen: „Wir müssen die Patienten finden, denen die Migräne-Spritze helfen kann“

R ote Flaggen: Die sieht Sonja Tesar, wenn der Kopfschmerz nicht alleine auftritt. Kommt er in Begleitung von Übelkeit und Erbrechen, treten gemeinsam mit dem Schmerz im Kopf Lähmungen, Schwindel oder ein Kribbelgefühl auf, dann sollte man sofort zum Arzt. Denn diese Red Flags, wie sie Ärzte nennen, sagen: Hier ist der Kopfschmerz nicht nur ein Kopfschmerz, sondern kann ein Symptom einer anderen, vielleicht schwerwiegenden Erkrankung sein. „Ja, da könnte ein Tumor dahinterstecken, der auf ein Areal im Gehirn drückt und zu den Ausfalls­erscheinungen führt“, sagt Neurologin Sonja Tesar, Kopfschmerzspezialistin und Leiterin der Kopfschmerzambulanz am Klinikum Klagenfurt – oder etwas anderes, das nicht in den Kopf gehört, aber dort Platz für sich beansprucht, wie eine Gehirnblutung. Das Gehirn selbst kann nämlich keine Schmerzen empfinden – wenn etwas wehtut, sind es die das Gehirn umgebenden Gehirnhäute. Doch nicht nur diese fatalen Begleiter des Schmerzes lassen bei Experten die Alarmglocken schrillen: Auch wenn ein Kopfschmerz ganz neu auftritt, vor allem vor dem fünften und nach dem 50. Lebensjahr, oder sich nicht mehr mit sonst wirksamen Medikamenten behandeln lässt, sollte der Weg jedenfalls zum Arzt führen. Gefährlich kann es auch bei Frauen werden: Kommen die Faktoren gebärfähiges Alter, Pille, Rauchen zusammen, steigt das Risiko für eine Thrombose an – „und es kann auch im venösen System im Kopf zu einer Thrombose kommen“, erklärt Tesar.
Das sind sie also, die roten Flaggen, die Ärzten anzeigen: Hier haben wir es nicht mit einem sogenannten primären Kopfschmerz zu tun – mit jenem Kopfschmerz also, den laut jüngsten Untersuchungen mehr als die Hälfte der Österreicher kennen. 56 Prozent der Befragten gaben an, regelmäßig an Kopfschmerzattacken zu leiden. Der Schmerz im Kopf kann sich dabei ganz unterschiedlich anfühlen.
Stechend und pulsierend wie bei der Migräne, die zwölf Prozent der Bevölkerung betrifft; dumpf und drückend wie beim Spannungskopfschmerz, dem häufigsten Kopfschmerz überhaupt; ex­trem stark und kaum auszuhalten wie der Clusterkopfschmerz, der zwar selten, aber umso heftiger ist. Insgesamt sprechen Experten von mehr als 200 Kopfschmerzarten, Migräne und Spannungskopfschmerz sind die häufigsten – gemeinsam mit einer Art von Kopfschmerzen, die „medikamentengemacht“ ist.

„Kopfschmerzen, ausgelöst durch einen Übergebrauch von Schmerzmitteln, sind ein riesiges Thema“, sagt Tesar. Die typische Patientenklientel sind Menschen, die ihre Kopfschmerzen seit Jahrzehnten selbst behandeln, viele Schmerzmittel schlucken und dadurch abhängig geworden sind. Die Aufgabe für Schmerzspezialisten wie Tesar ist es dann herauszufinden, welcher Kopfschmerz liegt den Beschwerden eigentlich zugrunde. „Manchmal brauchen solche Patienten sogar einen Entzug“, sagt Tesar. Durch den jahrelangen Übergebrauch von Schmerzmitteln kommt es im Körper nämlich zu einem fatalen Teufelskreis: Das körpereigene Schmerzhemmsystem, dessen Aufgabe es ist, Schmerzen nach Erfüllung ihrer Warn­aufgabe zu unterdrücken, arbeitet kaum noch – denn das haben ja die Schmerzmittel übernommen. So werden Betroffene überempfindlich und spüren ständig Schmerzen.
Die Ursachen für dieses virulente Problem liegen in der mangelhaften Versorgung von Schmerzpatienten in Österreich: „Es gibt zu viele Kopfschmerzpatienten und zu wenige Anlaufstellen“, sagt Tesar. Aber auch die Wahrnehmung von Kopfschmerzen in der Gesellschaft spiele eine Rolle: „Als Betroffener von Migräne oder Spannungskopfschmerz zeigt man keine äußerlichen Anzeichen, es gibt auch keinen Laborwert“, erklärt Te­sar, warum Betroffene noch immer belächelt werden – und daher auch selbst den Gang zum Arzt hinauszögern. „Dass die Migräne nur eine Ausrede der Frau sei, um gewissen Aktivitäten zu entgehen, diese Vorurteile kennt man ja“, sagt Tesar. Um einen Kopfschmerz richtig zu diagnostizieren, braucht es laut Tesar nicht mehr als einen Kopfschmerzspezialisten und den Patienten. „Mit gezielten Fragen können wir dann den Kopfschmerz laut den internationalen Kriterien einordnen.“ Lautet diese Diagnose Migräne, steht den Medizinern nun eine ganz neue Behandlungsmethode zur Verfügung, die als „Migräne-Spritze“ auch für viel mediales Aufsehen gesorgt hat. Doch ist die Spritze wirklich das Wundermittel, als das sie angepriesen wird? keyboard_arrow_right

Das Mysterium im Kopf

keyboard_arrow_right „Diese Versprechungen muss man auf jeden Fall relativieren“, sagt Tesar. Von einem Wundermittel sollte man nicht sprechen, denn: Migräne ist nach wie vor nicht heilbar und muss immer „multimodal“, also mit verschiedenen Maßnahmen gemeinsam behandelt werden. „Nur Medikamente zu verabreichen, ist jedenfalls zu wenig“, sagt Tesar. Und trotzdem: Die sogenannte Migräne-Spritze habe jedenfalls sehr großes Potenzial. „Der Therapieansatz ist bestimmt revolutionär und kann für eine bestimmte Gruppe von Patienten die Hilfe schlechthin darstellen“, sagt Tesar. Die Herausforderung sei nun, jene Patienten zu finden, die genau auf diesen Wirkmechanismus ansprechen. Wer das sein könnte? „Das sind Patienten, die auf Medikamente, die zur Vorsorge eingenommen werden, nicht ansprechen oder diese nicht vertragen“, sagt Tesar. Auch für chronische Migränepatienten, die in Österreich bisher mit Botox oder einem sehr nebenwirkungsreichen Medikament behandelt wurden, könnte die Migräne-Spritze eine Möglichkeit sein.
Doch was ist nun so revolutionär am Ansatz der Spritze? Dahinter steckt ein spezifischer Antikörper, der ganz gezielt in die Entstehung der Migräne eingreift. Damit ist es das erste Medikament zur Vorsorge, das speziell für die Migräne entwickelt wurde. In Studien konnte der Wirkstoff mit dem Namen Erenumab das Auftreten von Migräne­attacken entscheidend reduzieren – „aus den USA kennen wir außerdem Ansprechraten von bis zu 70 Prozent“, sagt Tesar. Als „Spritze“ können sich Patienten den Wirkstoff einmal pro Monat mittels Pen selbst verabreichen.
Die Zulassung für Österreich gibt es, in Spezialzen­tren werden auch schon Patienten behandelt – was noch fehlt, ist die Entscheidung darüber, ob die Krankenkassen die Kosten übernehmen werden. „Bis März soll es eine Entscheidung geben“, sagt Tesar – bis dato stellt die Herstellerfirma das Medikament zur Verfügung. Und: In der nahen Zukunft werden noch weitere solcher Antikörper auf den Markt kommen.
Was jedoch durch kein Medikament ersetzt werden kann, ist die Selbstverantwortung der Patienten. „Wir können die Migräne nicht heilen und schon gar nicht wegoperieren“, sagt Tesar. „Aber wir und vor allem der Betroffene selbst kann seine Erkrankung besser managen.“ Die Therapie der Migräne baut immer auf mehreren Säulen auf, sagt Tesar. Dazu gehört, Entspannungsmethoden zu erlernen und den eigenen Lebensstil anzupassen: „Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Essenszeiten, Ausdauersport, die persönlichen Auslösefaktoren meiden – all das bringt so viel! Wenn ich das alles aber nicht beachte, darf ich mich als Betroffener auch nicht wundern, wenn ich eine Attacke nach der anderen habe“, sagt Tesar. Insofern sei man als Patient auch selbst gefragt. Denn: Die Erfahrungen mit der multimodalen Schmerztherapie am Klinikum Klagenfurt haben gezeigt, dass gerade das Zusammenspiel von Bewegung, Entspannung und psychologischen Thera­pien besonders großen Erfolg bringt. „Davon“, sagt Tesar, „bräuchte es aber noch viel mehr in Österreich.“

Das Mysterium im Kopf
Migräne muss immer multimodal behandelt werden. Nur Medikamente zu verabreichen, ist jedenfalls zu wenig. Sonja Tesar


Migräne

Typisch für die Migräne sind pochende, pulsierende und stechende Schmerzen, die meist einseitig im Bereich der Schläfe, im Augen- oder Nackenbereich auftreten und bis zu drei Tage anhalten können. Die Kopfschmerzen können mit Übelkeit, Erbrechen sowie Empfindlichkeit gegen Licht, Lärm und Gerüche einhergehen. Die Schmerzen werden bei körperlicher Anstrengung schlimmer.

Ursachen: Der Schmerz geht vom Hirnnerv Trigeminus aus. Er aktiviert Schmerzrezeptoren in den Gehirngefäßen und es kommt zu einer Art Entzündung. Außerdem erweitern sich die Gefäße, was zum pulsierenden Schmerz führt. Frauen sind drei Mal häufiger betroffen.

Auslöser für eine Attacke: Es gibt eine genetische Veranlagung für Migräne. Äußere Auslöser führen dann dazu, dass die Schmerzen auftreten: Stress in jeder Form, unregelmäßige Mahlzeiten und Wach-Schlaf-Zeiten, zu wenig Schlaf, ein Wechsel der Lebensumstände. Mittels eines Kopfschmerz­tagebuchs müssen Betroffene jene „Trigger“ herausfinden, die bei ihnen zu Attacken führen.

Clusterkopfschmerz

Der Clusterkopfschmerz ist eine sehr seltene, aber besonders heftige Form der Kopfschmerzen. Der Schmerz tritt anfallsartig in Episoden von mehreren Wochen bis Monaten auf, zwischen den Episoden können Jahre ohne Beschwerden liegen. Meist beginnen Attacken in der Nacht. Dieser Kopfschmerz ist extrem stark und tritt einseitig rund um Schläfe und Auge auf. Außerdem ist das Auge gerötet und tränt, die Nase rinnt.

Ursachen: Die Ursachen für den Clusterkopfschmerz sind nicht geklärt, eine Vermutung ist, dass ein fehlgesteuerter Bereich im Zwischenhirn zu einer veränderten Durchblutung und einer gestörten Hormonausschüttung führt. Männer sind häufiger von diesem Kopfschmerz betroffen als Frauen.

Auslöser für eine Attacke: Alkoholische Getränke und histaminreiche Nahrungsmittel wie Käse, Salami, Fertiggerichte oder Schokolade können möglicherweise Clusterkopfschmerz-Attacken hervorrufen. Auch hier gilt es, mit einem Kopfschmerztagebuch die Trigger zu finden.

Spannungskopfschmerz

Der Spannungskopfschmerz ist die häufigste Form von Kopfschmerzen: 90 Prozent der Menschen leiden zumindest einmal daran, bei drei Prozent wird der Schmerz chronisch. Spannungskopfschmerzen sind diffuse Schmerzen, die den ganzen Kopf betreffen und sich nur schwer lokalisieren lassen.

Ursachen: Während man früher dachte, Verspannungen der Muskulatur im Nacken führen zu diesen Kopfschmerzen, geht man heute davon aus, dass die Ursachen doch komplexer sind. Verhärtungen der Muskeln spielen zwar eine Rolle, denn der Trigeminus-Nerv, der die Hirnhäute versorgt, hat Verbindungen zur ersten und zweiten Halswirbelwurzel. Deshalb spürt man Nackenschmerzen auch im Kopf. Aber es werden auch genetische Faktoren und Fehler im Schmerzhemmsystem diskutiert.

Typische Symptome: Die Schmerzen sind nicht so intensiv wie bei der Migräne, körperliche Bewegung, vor allem Ausdauersport, kann die Beschwerden lindern und schützt auch vorsorglich. Entspannungsübungen werden ebenso als Vorsorge empfohlen.



Das Mysterium im Kopf
ZUR PERSON Sonja Tesar ist gebürtige Linzerin. Als Neurologin leitet sie die Kopfschmerz­ambulanz am Klinikum Klagenfurt und ist seit Oktober medizinische Direktorin des LKH Wolfsberg.
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Der Gehirn-Versteher

Gehirnstimulation Der Schmerz ist nicht mehr beherrschbar, der Patient aus­therapiert: Für diese Fälle hat Neurochirurg Willi Eisner eine Methode entwickelt, mit der man das Gehirn dauerhaft überlisten kann.

Text: Didi Hubmann

Der Gehirn-Versteher

Zuhören, einfach nur zuhören: Willi Eisners Erzählungen und Fallbeispiele sind fesselnd wie einprägsam, die tiefe Stimme und der bayrisch-tirolerische Dialekt sickern unaufhaltsam ins Langzeitgedächtnis. Der gebürtige Bayer, der an der Universitätsklinik für Neurochi­rurgie Innsbruck arbeitet, wirkt wie ein neuronales Lexika-Netzwerk, das Wissen ist eingebettet in viel Verständnis für die Patienten und deren Schmerzen. Schmäh ist ihm nicht fremd, aber man sollte sich auch nicht täuschen: Ärztekaliber seiner Klasse ziehen Dinge durch, an die sie glauben, auch wenn andere zweifeln.
Heute, sechs Jahre nachdem er in der Schmerz­schrittmacher-­Chirurgie seinen eigenen Weg beschritten hat, kann er sagen: „Was die anderen machten, war nett und gut, aber ich hatte andere Ideen und die verfolgte ich.“ Und heute wird sein Zugang zu dieser OP-Methode bestaunt: Der Großteil der Patienten bleibt nicht nur nachhaltig schmerzfrei, sondern verspürt überhaupt keine Schmerzen mehr. Auch das unterscheidet Eisners OP-Methode, zu der jetzt groß angelegte Studien folgen werden. Er hat die Methode gerade international vorgestellt. Bei Eisners Ansatz werden zwei Platin-Elektroden (statt wie bisher eine Elektrode) über sechs bis sieben Millimeter kleine Löcher in der Schädeldecke auf jene Gehirn­areale gesetzt, in denen die Schmerzen entstehen. Ganz dünne Leitungen führen unter der Haut zu einem nachladbaren Schmerzschrittmacher (Größe: Scheckkartenformat) im Bereich des Schlüsselbeins. Vereinfacht erklärt wird dabei mit einem feinen elektrischen Impuls das Gehirn überlistet und damit der sogenannte neuropathische Schmerz ausgeblendet.

Skeptikern richtet Eisner trocken aus: „Kein einziger Patient hat Schaden genommen oder ist verletzt worden, weil wir am Gehirn arbeiten. Im Gegensatz dazu, was Leute durch Nebenwirkungen von Medikamenten erleiden müssen, wobei es oft keinen Effekt gibt, können wir Erfolge nachweisen. Die Menschen, die wir operieren, leiden ja Höllenqualen.“ Sie seien austherapiert, nichts habe ihnen mehr geholfen. Erst dann sei die Neurochi­rurgie am Zug – mit einem Wissen, das es schon seit Jahrhunderten gibt.
Eisners Streifzug durch die Medizingeschichte beginnt 56 nach Christus bei Plinius, der einen Arzt beschrieb, der erstmals Legionären helfen konnte, denen Gliedmaßen abgeschlagen worden waren. „Dieser Arzt hatte Wassertröge. In diesen Trögen waren Fische, die bei Bedrohung elektrische Schläge austeilen können. Normalerweise lähmen sie damit ihre Beute, aber hier wurden die elektrischen Schläge anders genutzt“, erzählt Eisner. Jene Legionäre, bei denen man die Schmerzen nicht in den Griff bekommen hatte, mussten ihre verstümmelten Gliedmaßen in den Trog halten. Der Fisch war durch eine Holzwand getrennt und wurde so lange gereizt, bis er einen elektrischen Schlag abgab. „Das war wie in einer Kuranstalt. Den Legionär hat es hergebeutelt, aber die Schmerzen waren weg. Ähnlich ist man bei Kopfschmerzen vorgegangen: Der Patient hatte ein nasses Handtuch auf dem Kopf, dort hat man denFisch raufgegeben, bis er wieder einen elektrischen Schlag ausgeteilt hat – und dann war der Kopfschmerz gut.“ Eisners Streifzug geht weiter bis zu den ersten Schmerzschrittmachern, die es seit über 50 Jahren gibt. keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_right Aber warum sind Schmerzpatienten heute auf elektrische Impulse, die nicht mehr von Fischen, sondern von kleinen Hightech-Geräten stammen, angewiesen? Alle zwei- bis drei Tausendstel einer Sekunde kommen aus dem Körper-Gesamtsystem Impulse zum Nervensystem, die letztendlich dem Gehirn mitteilen: alles in Ordnung. „Wenn dieser Impuls“, so Eisner, „aber nicht mehr am Gehirn ankommt, dann haben wir den neuropathischen Schmerz. Im Hirnstamm und vom Rückenmark ausgehend entstehen Impulse, die dem Gehirn mitteilen, da ist etwas nicht in Ordnung. Da ist etwas, als ob es im Feuer liegt, aber leider kannst du da keinen Einfluss mehr auf den Schmerz nehmen. Es wirken keine Medikamente. Das passiert auch, wenn ich den Arm abschneide oder einen Nerv durchtrenne.“ Es gehe also um eine Erkrankung oder
eine Störung der Nerven selbst, und dieser neuropathische Schmerz spreche auf herkömmliche Schmerzmittel nicht an. „Wenn man sich einen Fuß gebrochen hat, dann geht das mit der Zeit weg, das ist ein Rezeptorenschmerz. Der neuropathische Schmerz aber, wenn also ein Nerv verletzt ist, läuft ewig und ist für den Betroffenen äußerst schlimm. Und da man die Ursache des Schmerzes nicht sehen kann, wie bei einer Verletzung, leiden viele Menschen umso mehr: weil man glaubt, sie tachinieren.“

Elektroden für Schmerzschrittmacher werden in mehreren Körperbereichen eingesetzt. Auch die ­Eisner-Methode stützt sich auf folgende Reaktionen von Gehirn und Körper: „Der Schmerz entsteht im Gehirn: Wir nutzen das, indem wir auf dem Weg dorthin die Elektroden legen und so­zusagen den fehlenden ­Impuls mit dem elektrischen Impuls, der nicht schmerzt, ersetzen. Dadurch erfahren die Patienten eine Schmerzreduktion oder die Be­seitigung von Schmerzen. Zusätzlich werden über den Strom Bereiche im Hirnstamm aktiviert, der Strom verteilt sich über das Nervenwasser im Nerven­system und im Hirnstamm werden Zentren aktiviert, die Impulse für die Schmerz-­Weiterleitung hemmen und blockieren. Weiters entsteht im Belohnungszentrum eine Situation, sodass dir der Schmerz nicht mehr so viel bedeutet“, so Eisner. Er behandelte mit seiner Methode in den letzten Jahren die schwierigsten Fälle, Eisners Abteilung gilt zudem als eines der wenigen Ausbildungszentren weltweit. „Aber ich bin kein OP-fixierter Wahnsinniger“, lächelt Eisner, der auch im Vorstand der Österreichischen Schmerzgesellschaft sitzt. „Invasive Verfahren sollen am Ende der Behandlungskette sein“, betont er. Man müsse wissen, wie die Patienten leiden, bevor man diesen Schritt setze. „Diese müssen oft fünf, zehn Medikamente nehmen, in hohen Dosen. Sie rennen vom Wunder- bis zum Geister­heiler, um endlich schmerzfrei zu werden.“ Und: „Wir wissen außerdem, dass ­solche Patienten aufgrund der Schmerzen eine um 10 bis 15 Jahre verkürzte Lebenszeit haben, unter Depressionen leiden. Unsere OP-Technik hilft bei so schwierigen ­Fällen: Die Schrittmacher ­laufen 15 bis 20 Jahre, die Kostenersparnis für das Gemeinwohl ist erwiesen.“

Der Gehirn-Versteher
Neuromodulation: ­Mediziner Eisner zeigt, wie es funktioniert. Platin-Elektroden werden auf die für den Schmerz zuständigen Hirnareale gesetzt, ­feine Kabel unter der Haut geführt bis zum Scheckkarten-großen Schmerzschrittmacher.


Millimeter, die über den Schmerz entscheiden

Technik Schmerzschritt­macher-OP: von Platin-Elektroden, Tests und davon, wo Eisners OP-Methode noch Einschränkungen hat.

D ie beiden Platin-Elektroden, die Eisner über ein sechs bis sieben Millimeter kleines Loch in der Schädeldecke (das Loch wächst wieder zu) einführt, haben jeweils einen Durchmesser von maximal 1,2 Millimetern. Durch sie werden auf bestimmte Hirnareale – überwacht von einem Schmerzschrittmacher – elektrische Impulse gesetzt, um den Patienten schmerzfrei zu machen. „Ich weiß, wo im Gehirn sich die Körperareale abbilden, und damit können wir Platin-Elektroden genau setzen.“ Eisners Abteilung an der Uniklinik Innsbruck ist eines von zehn Ausbildungszentren weltweit, er wurde als „Internationaler Lehrer“ ausgewählt. Wenn der Patient nach der OP auf der Intensivstation aufwacht, erfolgen erste Tests. keyboard_arrow_right

Der Gehirn-Versteher

keyboard_arrow_rightDie Methode habe wenige Einschränkungen. Etwa: „bei Hirnblutungen. Netzwerke im Gehirn sind gestört, und weil sich Hirnareale verlagert haben, bringen wir den Schmerz nicht ganz weg“.



Das Mysterium im Kopf
Ich bin kein OP-fixierter Wahnsinniger. Solche invasiven Verfahren sollen erst am Ende der Behandlungskette zum Zug kommen.Willi Eisner
ZUR PERSON Neurochirurg an der Universitätsklinik in Innsbruck und Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft.
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„Es wird leider häufiger operiert als notwendig“

Das Kreuz mit dem KreuzOrthopäde Peter Machacek hat die Leitlinien zur Behandlung von Rückenschmerzen mitverfasst: warum Ruhe die Schmerzen verschlimmern kann, wann eine OP notwendig wird und warum sich Patienten oft zu viel erwarten.

Text: Didi Hubmann, Sonja Krause; Foto: Oliver Wolf

Es wird leider häufiger operiert als notwendig

F ür den Orthopäden Peter Machacek gibt es beim unspezifischen Kreuzschmerz ein absolutes No-Go: „Früher wurde beim Arzt oft noch gesagt: ,Schonen Sie sich, legen Sie sich mit Ihren Kreuzschmerzen hin‘ – aber das geht heute gar nicht mehr. Wir wissen, dass gerade das ein Faktor ist, der die Chronifizierung des Schmerzes fördern kann. Wenn die Ärzte letztlich ausgeschlossen haben, dass es etwas Gefährlicheres sein könnte, dann gilt für den Patienten: Alles bleibt beim Alten. Er soll seine Aktivitäten weitgehend beibehalten, natürlich mit medikamentöser und therapeutischer Unterstützung. Physiotherapeuten sind eine wichtige Säule in der Behandlung. Aber dafür braucht es eine genaue Diagnose.“
Genau hier liegt laut Ma­chacek das erste Problem: „Die Aufklärung über den gutartigen Charakter des unspezifischen Kreuzschmerzes ist enorm wichtig, aber in der Drei-Minuten-Kassen­medizin ist hierfür kaum Zeit. Jeder Kreuzschmerz, der keine neurologischen Auffälligkeiten hat und keine Hinweise auf eine Systemerkrankung oder bösartige Erkrankungen zeigt, wird als unspezifisch bezeichnet. Hier findet aber die große Gruppe an Kreuzschmerzen, die durch die Wirbelbogen- und Darmkreuzbeingelenke bzw. schmerzhafte Bandscheiben verursacht werden, keinen Niederschlag.“
Wichtig sei vor allem die Aufklärung und den Patienten nicht mit unnötigen dia­gnostischen Wegen zu vertrösten. „Ein Röntgen ist in vielen Fällen als Erstmaßnahme unnötig, ebenso eine MRT.“ Aber wie orientiert man sich als Patient, wenn man unter Rückenschmerzen leidet? Machacek hat die Antworten:

1. Wie lange soll der Patient den Rückenschmerz aushalten?
„Aushalten sollte man gar keinen Schmerz. Man unterscheidet verschiedene Phasen“, so Machacek. Akut (bis zu vier Wochen), subakut (bis zu 12) und chronisch (ab der 12. Woche). Das seien Werte zur ungefähren Orientierung. „Aber es gibt Abläufe im Körper, da weiß man, dass nach wenigen Wochen schon der Chronifizierungsprozess in Kraft getreten ist. Dann wird das Ganze schwerer therapierbar. Ich würde grundlegend nicht länger als eine Woche mit einem täglich beeinträchtigenden Schmerz im Rückenbereich warten. Denn man kann den Schmerz sehr gut eindämmen, wenn man medikamentös vorgeht und so dem Patienten eine gewisse Sicherheit gibt.“
Aber die Versorgung sei in­effizient: „Wenn der praktische Arzt einen Rückenschmerz festgestellt hat und sagt ,Gehen Sie zum Orthopäden oder zur Schmerzambulanz‘, da hat man im niedergelassenen Kassen­bereich zu lange Wartezeiten. Wenn der Schmerz chronisch wird, dann ist es umso schwieriger: Unter den chronischen Schmerzen ist der Kreuzschmerz die größte Gruppe, und der chronische Schmerz wird insgesamt nachlässig behandelt – weil es ein zeitintensives und aufwendiges Patientengut ist. Im stationären Bereich fehlt es an orthopädischen Betten, aber mit den Rehabilitationskliniken für den Bewegungsapparat gibt es ein gut funktionierendes Netzwerk. Die ambulante Betreuung von chronischen Kreuzschmerzpatienten ist aber ausbaufähig.“

2. Brauchen chronische Kreuzschmerzpatienten eine psychologische Betreuung?
Machacek sagt entschlossen Ja. Und: „Die psychologische Betreuung ist ganz wichtig – dafür wird man aber die Zahl der Psychologen in verschiedenen Bereichen deutlich erhöhen müssen.“

3. Wie können Patienten abschätzen, ob sie tatsächlich eine Operation benötigen, bei der Wirbel versteift werden?
Grundlegend kenne man laut Machacek klare Richtlinien, die für eine Operation gelten: Wenn der Patient Stuhl und Harn nicht mehr halten kann oder fortschreitende Lähmungserscheinungen auftreten oder die Schmerzen nicht mehr therapierbar sind.
„Trotzdem ist es so, dass die Indikationen für eine Operation an der Lendenwirbelsäule unterschiedlich großzügig gestellt werden. In Deutschland hat man etwa nachgewiesen, dass das völlig unterschiedlich geschieht. Es ist nicht nachvollziehbar, warum in dem einen Bundesland 13 Mal öfter Wirbelsäulen versteift werden als in einem anderen. Machacek sieht mehrere konservativ orthopädische Möglichkeiten, bevor man operiert: etwa, indem man durch Infiltrationen direkt an der Nervenwurzel mit einem Schmerzmittel und einem entzündungshemmenden Medikament Schmerzerleichterung verschafft. Mindestens so wichtig wie lokale Schmerz­behandlung ist die Therapie. „Ich gehe aber davon aus, dass häufiger operiert wird als notwendig.“

4. Was muss der Patient noch vor Operationen wissen?
Bei einer Verengung des Wirbelkanals oder dem ­sogenannten Wirbelgleiten sieht Machacek durchaus ­Indikationen für eine erfolgreiche Operation. „Man muss den Patienten aber darüber aufklären, dass nach einer Versteifungs­operation das angrenzende Segment beeinträchtigt werden könnte. Hier ist eine aktive Therapie notwendig, um ­präventiv zu ­wirken. Die Gefahr sei ja oft bei den Wirbelsäulenoperationen die Vor­stellung: Jetzt wird ein Teil ­getauscht wie bei einem Motor und dann rennt das ­Werkl ­wieder. Und der Patient glaubt, er müsse nichts zu­sätzlich tun. Das stimmt aber nicht, da weiß man um Defizite in der Auf­klärung und in der Wahr­nehmung der Patienten.“
In der Natur der Sache liege auch: „Die Operation an der Wirbelsäule birgt gewisse ­Risiken. Und die Erwartungshaltung der Patienten ist häufig größer als das, was der Chirurg tatsächlich bewirken kann. Die Chirurgen haben da keinen leichten Job, man kann nur schwer eine 100-prozentige Schmerzfreiheit erreichen. Realistisch ist eine Schmerz­reduktion. Gelegentlich hat man aber auch das Gefühl, ein Patient ist nicht 100-prozentig durchuntersucht oder ausreichend konservativ behandelt worden und es wurde trotzdem operiert.“ keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_right5. Welche Therapien bringen Vorteile?
* Interessant sei, dass Studien veröffentlicht wurden, die den Langzeiteffekt von Versteifungsoperationen mit den Ergebnissen konser­vativer Therapien weitgehend gleichsetzten. Die Behandlungsmöglichkeiten statt einer OP seien vielfältig: Im Vor­dergrund stehen die Multi­modalität und Aktivierung, das heißt, das Zusammenwirken von verschiedenen Therapieformen wie manueller ­Medizin, Physio­therapie, In­filtrationstherapien, medikamentöser Schmerztherapie und physikalischen Anwendungen. Diese Möglichkeiten bieten in Österreich die ­Rehabilitationseinrichtungen und stationäre Abteilungen für konservative Orthopädie.

6. Welche neuen Behandlungsmethoden gibt es?
Durch die besseren diagnostischen Möglichkeiten haben sich auch neue Verfahren zur spezifischen Behandlung entwickelt. Etwa die interventionelle Schmerztherapie mit der Behandlung von schmerzhaften Wirbelbogen- und Darmkreuzbeingelenken mit Radiofrequenzstrom (für den Schmerz verantwortliche Nervenfasern werden durch Hitzeeinwirkung zerstört). „Es ist sogar so, dass laut den aktuellen deutschen Leitlinien eine chirurgische Behandlung bei Facettenschmerzen (Anm.: Wirbelgelenksarthrose) erst nach erfolgter konservativer Therapie durchgeführt werden soll.“

7. Zu welchem Arzt soll man gehen? Welche Rolle spielen Physio- und Ergotherapeuten?
Die Erstbegutachtung sollte beim Allgemeinmediziner oder einem Facharzt mit der entsprechenden Kompetenz am Bewegungsapparat durchgeführt werden. Neben Orthopäden und physikalischen Medizinern sind bei weiterführenden Diagnosen oft auch Neurologen und Rheumatologen wichtige Ansprechpartner. Eine Lanze bricht Machacek für Physio- und Ergotherapeuten. „Diese Berufsgruppen werden nach wie vor stiefmütterlich behandelt. Aber das Ausbildungs­niveau ist top, viele Physio­therapeuten haben viel Erfahrung mit Schmerzbehandlungen und biomechanischen Zusammenhängen. In den ärztlichen Zuweisungen steht oft nur der allgemeine Begriff „Kreuzschmerz“, das muss viel genauer sein – denn eine detaillierte ­Diagnose ist für eine erfolgreiche Therapie unabdingbar. Ohne die große Gruppe der Therapeuten wäre eine effiziente Therapie bei Kreuzschmerzen nicht möglich. Ein Arzt sieht den Patienten meist nur kurz, der Therapeut begreift ihn – im wahrsten Sinne des Wortes.“

Es wird leider häufiger operiert als notwendig
Ein Arzt sieht den Patienten oft nur kurz, ein Therapeut begreift ihn.Peter Machacek, Orthopäde


„Die beste Bewegung ist jene, die Freude macht“

Aktiv werden. Die Rolle des Physiotherapeuten: den Patienten wieder zur Bewegung bringen. Dabei ist fast egal, zu welcher.

D er Facharzt und wir Physiotherapeuten müssen gerade bei chronischen Schmerzpatienten eng zusammenarbeiten“, sagt auch Bernhard Taxer, Physiotherapeut und Lehrender an der FH Joanneum. Hat der Arzt festgestellt, dass es keine gefährliche Ursache – ein Tumor, ein schwerwiegender Bandscheibenvorfall – für den Rückenschmerz gibt, kommt der Patient zum Physiotherapeuten. „Und wir haben Zeit, uns mit der Geschichte der Betroffenen zu befassen “, sagt Taxer. Eine erste Aufgabe sei es dann, den Patienten aufzuklären: Oft kommen Betroffene mit großen Ängsten, mit verstörenden Bildern im Kopf. Daher nennt Taxer den „unspezifischen“ Rückenschmerz auch lieber den ungefährlichen oder unkomplizierten Kreuzschmerz – „für Patienten klingt das besser.“ Die Hauptaufgabe des Physiotherapeuten sei es, den Betroffenen wieder zur Bewegung zurückzubringen – und hier gelte: Die beste Bewegung ist jene, die dem Patienten Freude macht. Das könne für den einen Yoga, für den nächsten Krafttraining oder Nordic Walking sein. Taxer räumt damit auch mit Klischeebildern von verkrampften Wirbelsäulenübungen auf: „In der Anfangsphase kann das helfen, doch wie lange wird ein Patient die immer gleichen Übungen machen?“ Der Rücken sei auch dafür gemacht, entspannte, runde Bewegungen zu machen – zu viele Betroffene seien ständig in einer verspannten Haltung und haben Angst, sich nach unten zu beugen. „Hier haben wir Techniken, den Patienten wieder aktiv zu machen“, sagt Taxer. keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_rightIn Bewegung bleiben – das sei nicht nur für ­Rückenschmerzpatienten zentral, sondern auch das beste Mittel, um Schmerzen vorzubeugen. „Die eine richtige Haltung, die perfekte Sitzposition – das gibt es nicht“, sagt Taxer. Was der Körper brauche, sei Veränderung. Verändert habe sich auch das Anforderungsprofil an die Physiotherapie, wenn es um chronische Schmerzpatienten geht: „Dabei spielen psychosoziale Faktoren unter Umständen eine große Rolle.“ Daher sollten auch „Physios“ darauf achten, ob Patienten psychologische Unterstützung brauchen.


Es wird leider häufiger operiert als notwendig
Zu viele Patienten sind ständig in einer verspannten Haltung.Bernhard Taxer
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Das Unbehagen der Geschlechter

HormoneEmpfinden Frauen und Männer Schmerz unterschiedlich? Und wenn ja, woran liegt das: Biologie oder Kultur? Die Medizin hat einige Antworten, aber noch mehr Fragen, wie Gendermedizinerin Alexandra Kautzky-Willer aufzeigt.

Text: Sonja Krause, Foto: Stanislav Kogiku

Das Unbehagen der Geschlechter

R eicht es den Schmerz zu behandeln – oder muss in weiblichen und männlichen Schmerz unterschieden werden?
Wir wissen, dass es gerade beim Thema Schmerz deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt. Wir wissen aber noch zu wenig darüber, warum es diese Unterschiede gibt.

Welche Unterschiede sind das?
Prinzipiell ist es so, dass Frauen schmerzempfindlicher sind als Männer. Die Sexualhormone scheinen eine große Rolle zu spielen. Aber es ist nicht so einfach: Eigentlich ist Östrogen, das weibliche Geschlechtshormon, mit höherem Schmerzempfinden verbunden. In sehr hohen Dosen jedoch, zum Beispiel in der Schwangerschaft und bei der Geburt, kann Östrogen auch schmerzlindernd wirken – sonst wären diese Schmerzen auch sehr schwer auszuhalten. Testosteron, also das männliche Sexualhormon, hingegen wirkt schmerzhemmend. Das männliche Hormon verstärkt die körpereigene Schmerzhemmung – sodass Männer Schmerzen nicht so stark empfinden.

Es erfüllt sich also das Klischee, dass Männer härter im Nehmen wären?
Ja, tatsächlich. Biologisch liegt das wohl an den Sexualhormonen, die in der Schmerzwahrnehmung eine Rolle spielen. Wir haben ein körpereigenes Schmerzhemmsystem, das von den Sexualhormonen beeinflusst wird. Aber sehr stark ist natürlich auch der Einfluss der Kultur, der Erziehung, der sozialen Rollenbilder: Darf ich als Mann Schmerzen zugeben? Das spielt mindestens eine ebenso große, wenn nicht sogar die größere Rolle. Es gibt auch entwicklungsgeschichtliche Erklärungsansätze: Als Jäger könnte es für Männer wichtig gewesen sein, Schmerzen zu unterdrücken. Aber wir wissen hier noch nichts Genaues.

Gibt es auch Erklärungsansätze, warum Frauen schmerzempfindlicher sind?
Bei Frauen haben wir gesehen, dass vor allem Schwankungen des Östrogenspiegels mit einem gesteigerten Schmerzempfinden verbunden sind. Die Schmerzempfindlichkeit der Frau ist also vom Zyklus abhängig. Kurz vor und während der Mens­truation werden Schmerzen stärker wahrgenommen als an den restlichen Tagen des Monats. Aber es spielen noch andere Faktoren mit: Das Alter, es macht einen Unterschied, ob Frauen vor oder nach dem Wechsel sind, ob sie die Pille nehmen oder eine Hormonersatztherapie machen. Das alles dürfte einen Einfluss haben – und wir wissen auch nicht: Was ist Biologie, was sind soziale Faktoren?

Wie geht die Forschung überhaupt vor, um unterschiedliches Schmerzempfinden zu untersuchen?
In den Studien werden die Probanden Hitze oder Druck ausgesetzt und man schaut sich an: Wer ist schmerzempfindlicher? Dabei stellt sich eben im Durchschnitt heraus, dass Frauen schmerzempfindlicher sind. Aber besonders interessant ist hier: Auch das Geschlecht desjenigen, der die Studie durchführt, spielt eine Rolle für die Ergebnisse. Es hat sich gezeigt: Führt eine Frau die Untersuchung durch, wird der Mann auf jeden Fall weniger Schmerzen angeben. Daher muss auch bei all diesen Untersuchungen berücksichtigt werden: Wer führt diese Studien überhaupt durch, Mann oder Frau? Der gleiche Einfluss hat sich sogar bei Versuchen mit Mäusen gezeigt: Sogar dort machte es einen Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau die Studie durchführte. War ein Mann der Untersucher, war das Schmerzempfinden immer geringer. keyboard_arrow_right

Das Unbehagen der Geschlechter

keyboard_arrow_rightDas klingt ja skurril. Und weiß man, warum das so ist?
wurden in hochrangigen Journalen publiziert: Es scheint am Stressfaktor zu liegen. Führt der Mann die Untersuchung durch, ist der Stressfaktor höher – und Stress wiederum unterdrückt Schmerzen. Schon der Geruch männlicher T-Shirts hat bei Mäusen dazu geführt, dass sie weniger Schmerz empfinden.

Zurück zu den Menschen: Welche Bedeutung haben die Unterschiede zwischen den Geschlechtern für Schmerzerkrankungen?
Frauen haben jede Art von Schmerzen häufiger: Ob Kopfschmerzen wie Migräne oder Spannungskopfschmerzen, rheumatische Erkrankungen oder das Schmerzsyndrom Fibromyalgie, Frauen sind wesentlich häufiger betroffen. Auch wird bei Frauen der Schmerz häufiger chronisch. Gleichzeitig können Frauen aber auch besser mit Schmerzen umgehen als Männer: Sie gehen früher zum Arzt, nehmen eher psychologische Hilfe in Anspruch und haben auch die besseren sozialen Netzwerke. Der bessere Umgang mit Schmerzen könnte daran liegen, dass Frauen ab der ­Pubertät starke körperliche Veränderungen durchmachen – durch die Menstruation kann es jeden Monat zu Kopf- und Bauchschmerzen kommen.

Gibt es auch Unterschiede bei Schmerzmitteln?
Frauen nehmen viel häufiger Schmerzmittel ein, was wohl auch mit den körperlichen Veränderungen im Zyklus zusammenhängt. Viele Schmerzmittel laufen ja unter dem Slogan, dass sie „speziell für Frauen“ gemacht seien, was aber Quatsch ist. Von Opioiden weiß man, dass diese bei Frauen viel stärker wirken und sie daher geringere Dosen brauchen. Bei anderen Schmerzmitteln hingegen wird bei Frauen häufig unterdosiert – sie nehmen mehr Schmerzmittel, haben aber trotzdem mehr Schmerzen. Da stimmt also etwas nicht.

Das Unbehagen der Geschlechter
Die sozialen Rollenbilder spielen eine ebenso große, wenn nicht sogar größere Rolle als die Geschlechtshormone. Alexandra Kautzky-Willer

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Mehr Forschung! Ich finde die Daten, die wir haben, nicht zufriedenstellend. Warum wirken Östrogene unterschiedlich? Wie spielt das Alter mit? Zu viele Dinge sind unklar! Und dadurch können wir auch in der Therapie nicht ansetzen. Wenn Sexualhormone einen großen Effekt haben, könnte man diese vielleicht therapeutisch nützen. Aber dafür braucht es noch viel mehr Wissen!


Der Schmerz in Zahlen

Wirtschaftsfaktor350.000 Menschen in Österreich leiden an chronischen Schmerzen. Das hat auch volkswirtschaftliche Folgen: Ein Drittel aller Pensionen wegen Berufsunfähigkeit wird von Schmerz­patienten beantragt.

1/3

der Schmerzpatienten sucht in der Zeit, bis man die richtige Diagnose bekommt, mehr als fünf Ärzte auf, zeigt eine Umfrage. Der Weg bis zur Diagnose ist auch ein langer: Ab den ersten Symptomen dauert es im Durchschnitt 2,5 Jahre bis zum endgültigen Befund.

1.800.000

sprich: 1,8 Millionen Menschen in Österreich leiden an Schmerzen, davon haben rund 350.000 Menschen mit einer chronischen Schmerzkrankheit zu kämpfen. Die direkten Kosten, die durch chronische Schmerzen entstehen, belaufen sich laut Experten auf 1,4 bis 1,8 Milliarden Euro.

5,5

Milliarden Euro betragen die Kosten, die durch Erkrankungen des Muskel- und Bewegungsapparats jährlich in Österreich entstehen. Krankenstandstage aufgrund von chronischen Rückenschmerzen verursachen jedes Jahr Kosten von 400 Millionen Euro.

50%

dass der chronische Schmerz ihr Berufsleben unmittelbar beeinträchtigt. Durchschnittlich 11 Prozent sind durch ihre Erkrankung arbeitsunfähig.

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Wie man den Weg aus der ­Opferrolle findet

Psycho-Logisch.Psychiater Michael Bach erklärt, wie man Schmerzpatienten ermutigt und aus dem Schmerz-Teufelskreis führt.

Text: Didi Hubmann

Wie man den Weg aus der ­Opferrolle findet

E ine der meist­diskutierten ­Fragen unter Schmerzpatienten: Ist es tatsächlich notwendig, zum Psychologen oder zum Psychiater zu gehen? Viele haben Angst, stigmatisiert zu werden.
MICHAEL BACH: Schmerz ist ein komplexes bio-psycho-soziales Phänomen, das zum Erfahrungsschatz nahezu jedes Menschen zählt. Jeder Schmerz hat körperliche, psychische und soziale Anteile. Man kann das nicht mehr trennen, diese Unterscheidung ist nicht sinnvoll. Jeder Schmerz hinterlässt eine Erlebnisspur, die spätere Schmerzerfahrungen beeinflusst. Wie bei anderen Erfahrungen auch, versucht der Mensch seinen Schmerz in einen Sinnzusammenhang mit seinem Denken und Fühlen zu stellen, eingebettet in den individuellen soziokulturellen Bedeutungszusammenhang und das jeweils vorherrschende Schmerzverständnis.

Also braucht es den Psychiater oder den Psychologen?
Das Dilemma, das ich von vielen Schmerzpatienten kenne, ist: Die gehen von einem Arzt zum anderen und hören der Schmerz sei eh nur psychisch. Und umgekehrt bei einem Patienten, der einen Bandscheibenvorfall hat, dem kann ich auch psychisch helfen, ich kann ihm eine Entspannungstechnik vermitteln und dadurch die Angst mindern. Man wird natürlich auch andere Maßnahmen setzen, aber das hilft genauso.

Landläufig heißt es, Schmerz könne auch durch Stress oder durch Probleme im Job oder im Privatleben ausgelöst werden. Gibt es dafür Hinweise?
Wir sprechen von einem multifaktoriellen Krankheitsbild und ein großer Faktor kann schon der Stress sein. Die innere Haltung macht die äußere Haltung. Wenn ich innerlich gekrümmt bin, dann belaste ich meine Wirbelsäule, das kann zu Fehlbelastungen und später zu Schäden führen. Oder: Wenn ich zum Chef gehe und immer den Kopf einziehe, dann bekomme ich irgendwann einmal Probleme mit der Halswirbelsäule.


ZUR PERSON Michael Bach ist ärztlicher Leiter des Therapiezentrums Justus­park (Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter) in Bad Hall.

Wie machen Sie das dem ­Patienten klar? In unserer Arbeit richten wir die Menschen von innen wieder auf und vermitteln ein anderes Selbstwert- und Lebensgefühl. Auch dem Schmerz gegenüber darf man sich nicht beugen. Das ist es, was Psychologen und Psychotherapeuten in der Arbeit mit Schmerzpatienten machen: Man lernt nicht gegen, sondern mit dem Schmerz zu leben. Es geht um viele Aspekte, etwa: Das Berufsleben ist sehr anspruchsvoll. Man muss sich ernsthaft mit dem Beruf auseinandersetzen, sich auch abgrenzen können.

Was ist, wenn ein Patient nicht mit Ihnen arbeiten will?
Da gibt es keine kurze Formel zur Lösung, wir machen Angebote. Wenn ein Patient sagt: „Ich bin falsch hier“, und er müsse in seiner Schmerztherapie nicht zum Psychiater, dann gestehe ich das dem Patienten auch zu. Ich sage dann zu ihm: Finden wir doch gemeinsam heraus, ob Sie hier bei mir richtig oder falsch sind. Ein Zugang in so einem Gespräch wäre zum Beispiel, dass ich mir einen typischen Schmerztag schildern lasse. Da bekommt man viel vom Leben des Schmerzpatienten mit – was sich abspielt. Welche Belastungen hat der Mensch gerade, was macht ihm Sorgen? Das passiert alles, ohne dass ich das Wort Psychotherapie in den Mund nehmen müsste. Und ich frage weiter: Wie wirkt sich der Schmerz aus? Was machen Sie, wenn Sie gerade Stress haben, wie reagiert Ihr Körper darauf? keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_rightWie geht man aber mit der Generation „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ um? Ärzte erzählen immer wieder von solchen Patiententypen, die schwierig zu behandeln sind, weil sie nichts sagen.
Jene Menschen, die immer die Zähne zusammenbeißen und sich zusammenreißen, haben eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, dass der Schmerz chronisch wird. Weil sie nicht gelernt haben loszulassen. Ich gebe solchen Patienten dann etwa eine Übung: Sie sollen eine Faust ballen und diese möglichst lange so halten. Die Fehlbelastung führt zu Schmerzen. Wenn sie dann die Faust öffnen, lässt der Schmerz nach. Durch einfache Übungen und Verhaltensexperimente kann man Schmerz und Therapie erlebbar machen.

Wenn Schmerz chronifiziert, ist das für die Patienten dramatisch. Was passiert dabei in der Psyche, wie entsteht ein Schmerzgedächtnis?
Mit zunehmender Schmerzdauer finden auf somatischer und psychosozialer Ebene Chronifizierungsvorgänge statt. Der chronische Schmerz „verselbstständigt“ sich zunehmend von seiner ursprünglich auslösenden Ursache, er ist nicht mehr Hinweis auf eine zugrunde liegende Verletzung oder Erkrankung, sondern ist selbst zu einer eigenständigen Erkrankung geworden. Der Schmerz löst sich von seiner Ursache, je länger ein Schmerzgeschehen dauert. Und desto mehr rücken die psychosozialen Elemente in den Vordergrund. Der Bandscheibenvorfall ist nicht mehr alleine der Bandscheibenvorfall, sondern man ist unkonzentriert, gereizt in der Partnerschaft, so kommt man in einen Teufelskreis. Plötzlich übernehmen bei der Chronifizierung die psychosozialen Faktoren eine immer größere Rolle ein.

Wie man den Weg aus der ­Opferrolle findet
Der Schmerz löst sich von seiner Ursache, je länger ein Schmerzgeschehen dauert. Und desto mehr rücken psychosoziale Elemente in den Vordergrund. Michael Bach

Wie bringen Sie Patienten aus diesem Teufelskreis?
Es geht darum: Welche Fähigkeiten hat der Mensch, sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen, welche Ressourcen hat er? Hat er noch die Fähigkeit zu entspannen, zu genießen, sieht er Konflikte als Herausforderung oder nur als Bedrohung oder Belastung? Wir haben das Bild mit zwei Waagschalen, weil viele sagen, wenn sie weniger Stress hätten, dann wäre alles besser. Aber stressfrei zu sein, ist eine Utopie. Da ist es eine Aufgabe der Psychotherapie der zweiten Waagschale mehr Gewicht zu verleihen. Mit Genuss- und Entspannungsübungen. Und wir zeigen, dass man auch einmal Nein sagen kann. Damit die Belastungen ein Gegengewicht bekommen.

Was legen Sie noch in die Waagschale?
Wir ermutigen, aus der Opferrolle herauszukommen. Manchmal ist es auch notwendig, in die Kindheit zurückzugehen, wenn es schmerzliche Erfahrungen gegeben hat. Da kann es sein, dass etwas noch nicht verarbeitet ist. In letzter Konsequenz – und unter Anführungszeichen gesetzt – heilt sich der Patient auch selbst. Wenn er Opferhaltung und die damit verbundene Passivität ablegt. Wir ermuntern zur Selbst­hilfe – das ist das Schlagwort für die Therapie.

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„Schmerzpatienten haben keine Lobby“

StreitgesprächWarum ist die Schmerzversorgung in Österreich nicht so gut, wie sie sein könnte? Wir haben nachgefragt. Und erstaunlich offene, aber auch schmerzliche Antworten von Topmedizinern erhalten.

Text: Didi Hubmann, Foto: Jürgen Fuchs

Schmerzpatienten haben keine Lobby

In aller Leidenschaft im Gespräch: Die Präsidentin der österreichischen Schmerzgesellschaft, Gabriele Grögl-Aringer, Ärztekammerpräsident Thomas Szekeres und Schmerzmediziner und Therapie-Vorreiter Rudolf Likar nehmen sich im Gespräch kein Blatt vor den Mund – das Thema Schmerz emotionalisiert, weil viele Reformen verzögert werden. Leidtragende sind die Patienten.

Spricht man mit Schmerzpatienten, hört man immer wieder eine Antwort: Der Leidensweg sei extrem lang und aufreibend. Es braucht eine Vielzahl von Ärzten und Diagnosen, bis einem geholfen wird. Wo sind die größten Problemzonen in der Schmerzversorgung?

GABRIELE GRÖGL-ARINGER: Die Patienten, die einen langen Leidensweg haben: Das sind 1,5 Millionen chronische Schmerzpatienten. Wie kommt es dazu? Wir sind nach wie vor ein Land, wo wir keine Schmerzausbildung im universitären Bereich haben. Unsere jungen Ärzte kommen aus der Uni, haben aber keine Ahnung, wie Schmerzpatienten versorgt werden müssen. Die postpromotionelle Ausbildung ist auch nicht verpflichtend. THOMAS SZEKERES: Ich glaube nicht, dass man das so generalisieren kann. Ganz viele Patienten werden bei ihren Hausärzten adäquat therapiert. Ja, es gibt immer wieder schwierige Fälle. Da ist es notwendig, die Patienten durch das System zu geleiten, und das funktioniert nicht immer so, wie es sollte. So, wie es auch nicht immer einfach ist, Ursachen für Schmerzen zu finden.
GABRIELE GRÖGL-ARINGER: Die Patienten, die einen langen Leidensweg haben: Das sind 1,5 Millionen chronische Schmerzpatienten. Wie kommt es dazu? Wir sind nach wie vor ein Land, wo wir keine Schmerzausbildung im universitären Bereich haben. Unsere jungen Ärzte kommen aus der Uni, haben aber keine Ahnung, wie Schmerzpatienten versorgt werden müssen. Die postpromotionelle Ausbildung ist auch nicht verpflichtend.

Das heißt, wir sind ein Schmerz-Entwicklungsland.
GRÖGL: Wir bräuchten längst ein System, in dem Patientenwege klar definiert sind. Niedergelassener Bereich, Schmerzambulanzen, Schmerzkliniken. Und wenn der Allgemeinmediziner sagt, er braucht einen Orthopäden, einen Neurologen etc., dann muss gewährleistet sein, dass der Patient innerhalb eines kurzen Zeitraums und nicht erst Monate später einen Termin bekommt. Das ganze System ist ein unheimliches Kuddelmuddel.
LIKAR: Im Endeffekt haben wir, was die Qualität der Schmerzversorgung betrifft, in Österreich seit Jahren versagt. Es hat sich an den 20 Prozent chronischen Schmerzpatienten nichts geändert. Klar werden Patienten behandelt – aber es bleiben 300.000 übrig, die eine spezielle Versorgung bräuchten. Und da haben wir kein flächendeckendes System in Österreich. Es geht um die Qualität in der Ausbildung und man braucht in jedem Bundesland eine große Schmerzklinik. Der zweite Punkt, bei dem wir versagt haben, ist, in die Prävention zu investieren. Sport, Bewegung, ich kann nie genug vorbeugen.
GRÖGL: Egal, ob im Spital oder im niedergelassenen Bereich: Qualität muss gewährleistet sein. Wir brauchen Qualitätskriterien, die überprüft werden. Wenn wir Konzepte wie die multimodale Schmerztherapie von Rudi Likar in ganz Österreich umsetzten, hätten wir weniger Krankenstände, weniger Frühpensionen, weniger Operationen. Da könnten wir Geld sparen und in die Schmerzversorgung investieren.
SZEKERES: Mir geht es nicht um die Kosten: In einem reichen Land wie Österreich muss man es sich leisten können, die Menschen adäquat zu behandeln. Die Politik muss das Leid der Patienten primär im Fokus haben, aber nicht die Kosten.
GRÖGL: Das sind super Schlagwörter, das funktioniert nur seit Jahren alles nicht. keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_rightDarf ich kurz vermitteln? In Kärnten hat man gesehen, was zum Wohle der Patienten möglich ist, wenn man zumindest einen Teil der Zahler an einen Tisch bringt und eine multimodale Therapie aufsetzt, bei der Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen, Psychologen und Physiotherapeuten zusammenarbeiten. Woanders ist das nicht lebbar, weil die Sozialversicherungen auf ihre Budgets, aber nie auf das große Ganze schauen. Ist das nicht traurig?
SZEKERES: Im Prinzip sollte es ein gemeinsames Ziel geben: finanzieren und dort behandeln, wo es für den Patienten am wirkungsvollsten ist. Und die Kosten sind zu bezahlen. Aber das Gesundheitssystem ist der einzige Bereich, wo die Ausgaben an das Wirtschaftswachstum gekoppelt sind. Bei Tunnelbauten lasse ich mir das ja noch einreden. Aber das ist nicht lebenswichtig im Gegensatz zur Gesundheit. Diese Finanzierung hat die vergangene Regierung gemacht und die neue hat sie nicht beendet.
LIKAR: Wir sind nicht einmal so weit, dass wir Strukturen, die es gibt, verändern. Ich weiß, dass bei den Kuranstalten eine große Industrie dahintersteckt. Aber für die Schmerztherapie sind sie meistens ineffizient. Einige ändern das, aber das ist zu wenig.

Welche Zahler aus dem Gesundheitssystem sind bei der multimodalen Schmerztherapie, wie sie am LKH Klagenfurt praktiziert wird, an Bord?
LIKAR: Einige. Aber die Pensionsversicherung will bei unserer multimodalen Schmerztherapie nicht mitzahlen.
SZEKERES: Das ist ja alles kein Zustand!

Wer zahlt dann die multi­modale Schmerztherapie in Kärnten?
LIKAR: Land, Gesundheitsfonds und GKK. Die Pensionsversicherung nicht. Weil sie wissen: Wenn das in Kärnten finanziert wird, dann müssen sie in jedem Bundesland etwas machen. Der finanzielle Vorteil unseres Therapiekonzepts ist ja längst bewiesen. Unser Projekt wurde ein Jahr wissenschaftlich begleitet und wir konnten zeigen, dass wir tagesklinisch helfen und volkswirtschaftlich gut abschneiden. Weniger Medikamente, Patienten werden wieder in den Arbeitsprozess ­eingegliedert. Diese tagesklinischen Konzepte gehören in jedes Bundesland – in der Form stehen wir in Kärnten immer noch alleine da, obwohl wir seit 2012 darüber sprechen.

Wie schon gesagt: Daran lässt sich sehr schön die Absurdität unseres Gesundheitssystems ablesen: Jede Sozialversicherung etc. ist zufrieden, wenn sich die Kosten nicht auf ihre Budgets durchschlagen. Man spart sich ja etwas, wenn die anderen zahlen.
SZEKERES: Deshalb brauchen wir eine Reform des ganzen Gesundheitswesens. Und das passiert nicht.
GRÖGL: Diese Diskussionen höre ich seit Jahren. Es geht einfach um das Leid der Patienten, dafür sind wir ja Ärzte geworden. Es ist uns ein Bedürfnis zu helfen, sonst würden wir nicht so ein Engagement zeigen. Wenn die Schmerzversorgung nicht politisch und gesetzesmäßig geregelt wird – sogar Italien ist uns da voraus –, reden wir in 30 Jahren noch immer gleich herum. Es ist beschämend, wie hier seit Jahren argumentiert wird – und nichts passiert.
SZEKERES: Die Kritik kann ich gut nachvollziehen. Es ist eine Scheinreparatur des Gesundheitssystems, was im Moment passiert – aber keine Gesundheitsreform.





Schmerzpatienten haben keine Lobby
Schmerz ist zu kompliziert. Deshalb funktioniert das System nicht.Rudolf Likar
Schmerzpatienten haben keine Lobby
Es ist beschämend, wie seit Jahren argumentiert wird. Gabriele Grögl-Aringer
Schmerzpatienten haben keine Lobby
Das ist ja alles kein Zustand!Thomas Szekeres




Was sagt die Politik?
GRÖGL: Ich habe zuletzt mit der Ministerin gesprochen, es war ein amikales Gespräch: Es ist aber nichts herausgekommen. Und um unsere Probleme zu unterstreichen: Ich habe diese Woche aus unserer Ambulanz in Wien einen Patienten zu Professor Likar nach Kärnten geschickt, weil ich ihm hier nicht die Therapie anbieten kann, die Likar einsetzt. Wir haben das einfach nicht. Beschämend!
LIKAR: Der Schmerzpatient hat eben keine Lobby.
GRÖGL: In Vorarlberg gibt es keine einzige Schmerzambulanz, eine Patientin hat jetzt eine Petition in die Wege geleitet. Das ist genauso beschämend, dass Patienten aus einem Bundesland solche Missstände aufzeigen müssen.

Gibt es finanzielle Restriktionen bei der Behandlung von Patienten?
GRÖGL: Wir haben immer wieder die Situation bei Tumorpatienten: Es geht um Medikamente, damit sie schmerzarm und schmerzfrei leben können – und damit um Lebensqualität. Wenn wir Medikamente für diese Gruppe nicht mehr bekommen, dann ist das ethisch nicht mehr vertretbar. In manchen Bundesländern werden diese Medikamente nur chefärztlich erlaubt. Dass wir Patienten grundsätzlich nicht so helfen können, wie wir wollen: Das ist belastend und sehr frustrierend.

Wie gehen Sie damit um?
LIKAR: Schmerzpatienten stammen oft aus schwierigen Verhältnissen, Arbeitslose zum Beispiel – da geht die Spirale immer weiter runter. Das ist verheerend.
SZEKERES: Ja, wir glauben, bei uns gibt es so etwas nicht: 18 Prozent der Österreicher sind armutsgefährdet. Alleinerziehende Frauen oder Menschen, die in die Altersarmut schlittern. Diese Menschen sind angewiesen auf ein funktionierendes Sozialversicherungssystem.
LIKAR: Wir brauchen dringend ein österreichweites Angebot von Schmerzkliniken. Und diese Kliniken müssen auch eine verbesserte Ausbildung haben, daran scheitern wir derzeit noch. Wir haben ja auch keine festgelegten Behandlungspfade, deshalb ist es für die chronischen Schmerzpatienten oft so schwierig, Hilfe zu bekommen.

Die Medikamentenpreise sorgen immer wieder für Diskussionen, auch in der Schmerzmedizin.
SZEKERES: Medikamentenpreise sind hoch, so lange Patente bestehen.
LIKAR: Wenn wir die herkömmlichen Schmerzmedikamente und nicht die Spezialpräparate betrachten, dann liegen wir in der Schmerztherapie am unteren Level. Ein anderes Problem haben wir mit Cannabidiol (CBD), da hängen wir bei der Versorgung für die Patienten europaweit stark nach. Bei uns ist CBD ein Nahrungsergänzungsmittel, kein Arzneimittelstoff, obwohl es in Deutschland so zugelassen ist. Da machen andere ein Geschäft daraus.
SZEKERES: Der Oberste Sanitätsrat sagt in Österreich: Da besteht kein Handlungsbedarf.
LIKAR: Ja, weil dieses Gremium keine Patienten behandelt. keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_rightWarum funktionieren die Vernetzung und die Zusammenarbeit unter den niedergelassenen Ärzten, den Spitälern etc. oft nicht?
GRÖGL: Das ist auch ein organisatorisches Problem, das muss man in Gemeinden etc. klar regeln. Aber wir haben auch immer weniger niedergelassene Ärzte, etwa am Land – und die sind dann überlastet. Und das Ganze müsste erst finanziert und bezahlt werden. Allgemeinmediziner geben oft zu, sie weisen den Ambulanzen keine Patienten zu, weil dort nichts anderes verschrieben wird, als sie ohnehin selbst verschreiben. Dort brauchen wir also ein anderes Setting – und Qualität. Ich verstehe ja grundsätzlich nicht, dass wir nicht ein anderes, ambitionierteres Qualitätsdenken haben. Wir sind ein tolles Land, wir wollen auch in der Schmerzmedizin top sein. Aber irgendwie geht gerade alles den Bach runter.
SZEKERES: Ich sehe das noch nicht so dramatisch, aber es gibt Punkte mit Verbesserungsbedarf.

Was kann man tun, damit jetzt nicht alles den Bach ­hinuntergeht?
GRÖGL: Permanent auf die Problematiken hinweisen. Aufmerksam machen. Lästig sein und aufzeigen, wie schlecht die schmerzmedizinische Versorgung und Ausbildung im Vergleich zu anderen Ländern ist. Das Wort schlecht ist hier tatsächlich treffend.

Verstehen die zuständigen Stellen nicht, was in der Schmerzmedizin vorgeht – und was Sie verändern wollen?
GRÖGL: Ich habe in den Gesprächen immer das Gefühl, dass man weiß, wo die Bedürfnisse wären, aber es tut sich nichts. Unterm Strich ändert sich gar nichts. Das spielen wir seit vielen Jahren. Irgendwann wird es so sein, dass auch die jungen Ärzte kein Interesse haben, und es wird uns als Schmerzgesellschaft nicht mehr geben. Wenn man permanent die Rückmeldung bekommt, dass wurscht ist, was man macht – warum soll man sich noch engagieren?
SZEKERES: Ganz so schlimm sehe ich es nicht. Es ist in einigen Bereichen zu Verbesserungen in der Ausbildung gekommen, wir müssen aber wachsam sein.
LIKAR: Bei uns in Kärnten passt es, in Österreich passt es nicht. Nochmals: Wir sollten in die Prävention investieren. Und ich hoffe, dass wir eine bessere Ausbildung in der Schmerzmedizin durchsetzen. Dann hätten wir wieder einen Meilenstein gemacht.

Wie kann man die Politik bewegen, etwas zu verändern?
SZEKERES: Ein Ansatz kann nur die Finanzierung aus einem Topf sein.
GRÖGL: Es wird sich nur etwas ändern, wenn wir einen nationalen und gesetzlich festge­setzten Versorgungsauftrag bekommen – und zwar für alle medizinischen Bereiche durchstrukturiert. Wenn wir das nicht schaffen, bin ich eher pessimistisch.
LIKAR: Nachdem ich schon bei vielen Gesundheitsministern war, würde ich provokant behaupten: Der Schmerz ist zu kompliziert, damit es funktioniert. Beim Schmerzkonzept ist überhaupt nichts umgesetzt worden. Mit dem Schmerz kann man verdienen, deshalb gibt es auch keine Einigkeit, da zu viele Fachdisziplinen involviert sind.

Schmerzpatienten haben keine Lobby
Schmerzdiskussion: Kammerpräsident Thomas Szekeres, Schmerzpräsidentin Gabriele Grögl-Aringer, Schmerzexperte Rudolf Likar mit Magazinchef Didi Hubmann


„Der Patient will endlich vom Schmerz befreit werden“

Gesundheitsreform.Die Mediziner und Ärztevertreter Petra Preiß und Herwig Lindner über Strukturprobleme bei der Behandlung chronisch Kranker, falsche Erwartungen und die allgemeine Bunker-Mentalität.

Schmerzpatienten haben keine Lobby
Es geht nicht, dass man in einem Bundesland eine Top-Betreuung hat und im anderen nicht. Petra Preiß
Schmerzpatienten haben keine Lobby
Es gibt zu viele Insel­lösungen. Herwig Lindner

Der Patient will endlich von seinen Schmerzen befreit werden, etwas anderes interessiert ihn zu Recht nicht. Danach müssen wir das System ausrichten“, stellt Herwig Lindner, der Vizepräsident der österreichischen Ärztekammer, gleich klar. Es gebe zu viele Insellösungen, aber keinen nationalen Plan in der Schmerzversorgung. „Die Schmerzbehandlung muss endlich über die Bundesländergrenzen hin geregelt werden“, fordert Lindner und hier hakt auch Petra Preiß, Präsidentin der Ärztekammer Kärnten, ein: „Es geht nicht, dass man in einem Bundesland eine Top-Betreuung hat und im anderen nicht. Rudolf Likar hat bei uns die Zugänge zu dem Thema völlig geändert. Aber ich habe keine Illusion, dass das ohne ihn nicht passiert wäre.“
Sowohl Lindner wie auch Preiß betonen, dass grundsätzlich Probleme bei der Behandlung von Patienten mit chronischen Erkrankungen bestünden – und sie sprechen die strukturellen Probleme in der österreichischen Gesundheitsversorgung offen an. „Weil alles in der Behandlung sehr kleinteilig aufgesetzt ist. Das sagen auch internationale Experten“, analysiert Lindner und führt weiter aus: „Die wohnortnahe Versorgung ist wichtig, man kann aber durch die geplanten Primärversorgungszentren keineswegs die großen Strukturprobleme lösen, die wir haben.“ keyboard_arrow_right

keyboard_arrow_rightPreiß sieht auch keine Verbesserung durch die große Krankenkassenreform, die von der Bundesregierung gerade aufgesetzt wurde. „Das, was wir auf dem Tisch liegen haben, lässt solche Schlüsse derzeit nicht zu. Da ist ganz viel Unsinn dabei, auch falsche Erwartungen sind da – jeder Experte, mit dem man spricht, bleibt skeptisch. Diese Milliarde, die angeblich eingespart werden soll, ist so nicht im System. Selbst der österreichische Rechnungshof sagt, das sei nicht darstellbar.“ Die Kernfrage für Preiß, die genauso für den Schmerzpatienten gilt, lautet: „Erhält jeder Patient durch die Kassenreform überall in Österreich das Gleiche? Nach dem jetzigen Stand ist das nicht der Fall.“
Lindner und Preiß plädieren für ein neues Gesprächsklima, um das zu ändern: „Ich würde mir wünschen, dass alle aus dem Bunker rauskommen und versuchen, Ansätze zu finden, die nicht ausschließlich der eigenen Klientel dienen. Das ist eine Aussage, die von einer Standesvertreterin unglaubwürdig klingen mag, aber anders ist es nicht machbar“, sagt Preiß. Nachsatz: „Wir sind heute deshalb dort, wo wir sind, weil jeder in seinem Bunker sitzt.“

Didi Hubmann



„Ein klares Systemversagen“

Analyse.Warum Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer nicht mehr daran glaubt, dass in unserem Gesundheitssystem eine flächen­deckende Schmerzversorgung möglich ist – und welche Auswege er trotzdem sieht.

Der bekannte österreichische Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer hat keine Illusionen mehr: „Es ist undenkbar, dass in der derzeitigen Architektur unseres Gesundheitssystems eine multimodale Schmerztherapie (Anm.: siehe Seite 12–16) oder eine abgestufte Schmerzversorgung flächendeckend angeboten werden kann.“ Es sei lange darum gekämpft worden. Das Problem sei simpel, aber aktuell nicht bewältigbar: „Schmerzambulanzen kosten Geld, und der niedergelassene Bereich kann die Behandlungen nicht wirklich im Honorarsystem abbilden, auch wenn das seit vielen Jahren versprochen wird. Aber es scheitert jedes Mal an der Umsetzung“, so Pichlbauer. „Die Aufmerksamkeit für die multimodale Schmerztherapie muss von allen Seiten größer werden. Das würde zwar zuerst zusätzlich Geld kosten, und es muss ja auch Kassenverträge geben, die eine gute Schmerztherapie ermöglichen.“ Aber: „Das wird alles nicht möglich sein und damit bleibt alles, wie es ist. Weil wir haben eh das beste Gesundheitssystem der Welt“, fügt er ironisch hinzu, bevor er ernsthaft nachlegt: „Chronisch kranke Patienten muss man schulen, umfassend betreuen. Das geschieht nicht, das ist ein klares Systemversagen. Die Versorgung chronisch Kranker wird bei uns jeden Tag schlechter. Weil unser System auf Akutversorgung ausgelegt ist.“ Also auf die Betreuung von Patienten, die unmittelbar krank werden, sich verletzen etc. Aber das System ist nicht für jene da, die unter den Folgen von Erkrankungen und Unfällen leiden. keyboard_arrow_right

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Ernest Pichlbauer, Gesundheits­ökonom

keyboard_arrow_right Natürlich gebe es Überlegungen: Wenn der niedergelassene Bereich sich stärker auf die chronisch Kranken konzentrieren würde, benötigte man eben mehr Geld. Etwa durch Beitragserhöhungen und Umschichtungen – eine Reform, an die sich wohl niemand derzeit heranwagt.
Spitäler seien außerdem oft zu „wohnortfern“, um dort den gesamten Behandlungsumfang chronisch Kranker zu konzentrieren, sagt Pichlbauer. „Ein Patient mit chronischen Schmerzen braucht zum Beispiel auch eine Psychotherapie und vieles mehr, man muss raus. Man muss in die wohnortnahe Primärversorgung rund um den Hausarzt, der nicht alleine arbeiten soll – und das System so koordinieren soll, damit der Patient das bekommt, was er braucht.“ Aber dafür müsse man auch die Voraussetzungen für den Hausarzt schaffen. Die Krankenkassenreform werde laut Pichlbauer nichts an den Verhältnissen ändern: „Es ist praktisch nichts geschehen.“

Didi Hubmann

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